Musikfestival in Köln

Protest in Rock

Großes Finale: Thomas Neuhoff dirigiert in der Kölner Philharmonie Leonard Bernsteins „Mass“ (Probenfoto).

Großes Finale: Thomas Neuhoff dirigiert in der Kölner Philharmonie Leonard Bernsteins „Mass“ (Probenfoto).

Köln. Mit Leonard Bernsteins alle Grenzen sprengende Komposition „Mass“ ging in Köln das Musikfestival „Acht Brücken“ spektakulär zu Ende.

Leonard Bernstein empfing den Auftrag von einer sehr prominenten Dame der Gesellschaft: Jacqueline Kennedy Onassis hatte den Komponisten und damaligen Chef der New Yorker Philharmoniker gebeten, ein Stück zur Eröffnung des neuen „John F. Kennedy Centers for the Performing Arts“ im September 1971 in Washington DC zu komponieren. Bernstein schrieb im Andenken an den ermordeten ersten katholischen Präsidenten der Vereinigten Staaten eine Messe.

Doch nicht, wie es Generationen von Komponisten vor ihm taten, als strenge Vertonung des Ordinariums. Bernsteins „Mass“ wurde ein überbordender, hemmungslos eklektizistischer, zeitkritischer musiktheatralischer Kommentar zu katholischen Messe, in dem jeder Glaubenssatz in Zweifel gezogen wird und am Ende Chaos und Anarchie zu obsiegen drohen.

Dass just dieses Werk das Kölner Acht-Brücken-Festival, das in diesem Jahr unter dem Motto „Musik und Glaube“ stand, beendete, erwies sich als eine gute Wahl. Zunächst einmal, weil das in Köln bislang noch nie vollständig erklungene Werk beim Publikum in der seit langem ausverkauften Philharmonie einen wahren Begeisterungssturm auslöste, zum anderen, weil es inhaltlich neben den Werken einer Galina Iwanowna Ustwolskaja oder eines Olivier Messiaen dem Glaubensthema eine hoch spannende weitere Facette hinzufügte.

Für das monumentale Abschlusskonzert des Festivals waren (fast) ausschließlich lokale und regionale Kräfte verpflichtet worden. Es spielte das Gürzenich-Orchester, der Chor des Bach-Vereins Köln, der Philharmonische Chor der Stadt Bonn und der Jugendprojektchor der Region Köln-Bonn sangen die großen Chorpartien. Die musikalische Gesamtleitung hatte mit dem Bonner Thomas Neuhoff der Chef dieser vokalen Großensembles übernommen. Die Solisten des „Street Chorus“ rekrutierten sich ebenfalls überwiegend aus regionalen Kräften.

Selbst das Knabensopran-Solo war mit einem Schüler aus der Region besetzt worden: Der 13-jährige Konstantin Reischert geht in Köln-Porz zur Schule und singt im Jugendchor der Bonner Lukas-Kirche. Er absolvierte seine musikalisch anspruchsvolle Aufgabe mit beeindruckender (Selbst-)Sicherheit. Aus dem Herkunftsland von Bernsteins Mass kamen die Fusion-Jazzer des New Yorker Herskowitz-Trios und der Bariton Jubilant Sykes (Celebrant), der Tenor Ronald Samm (Prediger) stammt aus Trinidad.

In Köln entschied man sich für eine halbszenische Aufführung des Werkes (Regie: Martin Füg). Zum 12-tönigen „Kyrie“, das, wie es Bernsteins Partitur vorsieht, vom Band kommt, zeigten sich die Mitglieder des „Street Chorus“ in den Gängen des Zuschauerraumes. Sie sind Menschen wie du und ich, tragen Alltagskleidung. Und sind bereit zum Protest, der sich meist in chorischen Einwürfen und Songs artikuliert. Schon das vom Chor vorgetragene Schuldbekenntnis wird in einem rockigen Solo aus den Reihen des Street Chorus („I don't know“) konterkariert.

Die musikalische Stilvielfalt des Stücks ist Programm und spiegelt die Gegenüberstellung von offizieller Kirche und den Menschen von der Straße, deren Wut gegen das kirchliche und politische Establishment, deren Wille zur Freiheit sich mit den Mitteln der U-Musik artikulieren. Das ist keine Wertung. Bernstein selbst hätte die Grenzen zwischen E und U am liebsten ganz eingerissen. Aber der Kontrast zur „bürgerlichen“ Musiksprache der eigentlichen Messe, die die Kunst des Kanons ebenso pflegt wie avantgardistische Orgeldissonanzen, funktioniert auf dramaturgischer Ebene sehr gut. Insbesondere in dem grandiosen „Credo“.

Die Kölner Aufführung brachte die Vielfalt unter Leitung von Thomas Neuhoff auf großartige Weise zusammen. Er führte das Gürzenich-Orchester ebenso sicher wie die Chöre und zeigte ein gutes Gespür für die dramatische Entwicklung, auf deren Höhepunkt der Celebrant in einer herzergreifenden Darstellung durch Jubilant Sykes die Seelenpein hinausschreit. Dass am Ende nach und nach alle in die schlichte Melodie des anfänglichen „Simple Songs“ einstimmen, gibt dem Stück etwas Versöhnliches. Auch dafür hatte Bernstein ein gutes Gespür.

Vor der Aufführung war Philharmonie-Intendant Louwrens Langevoort vor das Publikum getreten. Neben der guten Nachricht, dass 26 000 Musikfreunde zum Festival gekommen sind, verkündete er auch die weniger gute, dass im Kölner Haushaltsplan für 2018 das Acht-Brücken-Festival nicht vorkomme, und appellierte ans Publikum, sich in der Sache an die Politik zu wenden.