Kölner Philharmonie

Musik von explosiver Kraft

Tschaikowsky pur: Wladimir Fedosseyew probt in Köln.

Tschaikowsky pur: Wladimir Fedosseyew probt in Köln.

27.11.2015 KÖLN. Das Ende der alten Sowjetunion hatte Folgen auch für das Moskauer Radio-Sinfonieorchester (1930 gegründet), das seither als Tschaikowsky-Sinfonieorchester (des Moskauer Rundfunks) firmiert. Es macht sich freilich auch besonders um das Werk des Nationalkomponisten verdient. Auch in der Philharmonie konzentrierte man sich auf den Namenspatron.

Am Kölner Abend hörte man ausschließlich Tschaikowsky, bis in alle Zugaben hinein. Und es hatte schon etwas Ehrfurchtgebietendes, dass mit Wladimir Fedosseyew ein Dirigent am Pult stand, welcher sein Amt seit gut vierzig Jahren ausübt.

Die Publikumswirksamkeit des Programms wäre auf die Spitze getrieben worden, hätte man neben der fünften Sinfonie auch das erste Klavierkonzert zu hören bekommen. Es erklang jedoch - erfreulicherweise - das zweite. Die leicht zähen, sich meditativ etwas verlierenden Anfangssätze lassen das in etwa nachvollziehen.

Das imperiale Finale aber hat in jedem Falle das Zeug zu einem Hit. Leider wirkte die Aufführung nicht als ein solcher. Das Orchester war in puncto Rhythmik und Präzision nicht gerade auf Trab, Andrej Korobejnikov donnerte seinen Solopart mit etwas nebeligem Anschlag (und reichlich Pedal) ins Auditorium.

Der Sinfonie fehlte zu Beginn ein sozusagen "ahnungsvolles" Pianissimo, welches im folgenden Satz entschieden besser verwirklicht wurde. Die dramatischen Steigerungen der Musik arbeitete Fedosseyew mehr und mehr heraus, und zum Schluss erfreute die Explosivkraft von Tschaikowskys Musik in Gänze. Doch richtig glücklich machte der Abend nicht.

Das sah am Abend zuvor ganz anders aus. Bis kurz vor Mitternacht dauerte am Mittwoch die Philharmonie-Aufführung von Francesco B. Contis Oper "Don Chisciotte in Sierra Morena". Die bis zuletzt Verbliebenen zeigten sich allerdings hochbegeistert. Während der Cervantes-Held in Jules Massenets Oper am Schluss sein Leben aushaucht, bekommt er in Contis Oper (1719) nur das Verbot aufgebrummt, ein Jahr lang keine seiner fantasiestimulierenden Bücher mehr zu lesen. Contis Musik bietet fraglos viel Klischeehaftes, aber auch Individuelles.

Und René Jacobs vermag mit seinem theatralischen Temperament selbst schwächere Stellen einer Partitur unschwer zu überspielen. In Köln tat er es mit dem B?Rock Orchestra, einem mit allen Wassern der historischen Aufführungspraxis gewaschenen Klangkörper.

Von den Solisten überzeugte vor allem Stéphane Degout in der Titelpartie, ein echter Ausnahmesänger. Sein Bariton klingt kernig, ausladend, eminent maskulin (sogar mit etwas Wotan-Farbe). Mit 40 Jahren dürfte er in seiner Karriere noch für einige Überraschungen sorgen. (Christoph Zimmermann)