Art Cologne in Köln

Kunst von der Klassischen Moderne bis zur Gegenwart

18.04.2013 Köln. Wunderschöne Sprüche wie "Wer im Recht ist, ist nicht mehr jung" oder, etwas kryptischer, "Aus dem Alltäglichen zu etwas Grundsätzlichen kommend", hat Franz Burkhardt an seine Bretterbude mit antiquierten Fenstern gepinnt. Mit dem "Grundsätzlichen" ist ein einladendes Pin-up-Mädchen gemeint, das den Spruch illustriert.

Ohnehin ist Burkhardts Verschlag mit seinen kleinen, liebevoll gezeichneten Blättern nicht ganz jugendfrei. Gar nicht schlimm: Die Bretterbude mit ihren Bildchen, die jeweils 850 Euro aufwärts kosten, dient gewissermaßen als Separee. Der Kölner Galerist Sebastian Brandl lässt seine Ausstellungskoje von dem schmuddeligen Verschlag dominieren. Ein willkommener Bruch mit der sehr schicken Art Cologne.

Nicht weit von Brandls Stand entfernt legt Patrycja German für 20 Euro die Sitzung Karten, sagt die Zukunft voraus und verteilt Zertifikate. Die Innsbrucker Galerie Bernd Kugler hat die Kartenlegerin eingeladen. Ob Art-Cologne-Chef Daniel Hug bei ihr schon einen Termin hat, war nicht herauszubekommen. Wie dem auch sei: Über seine und die Zukunft der Art Cologne muss man sich keine Sorgen machen, trotz des Jahrmarktflairs mit Bretterbude, Nuditäten, Kartenlegerin und manchem Gruselkabinett in den Hallen 11.2 und 11.3 in der Kölner Messe.

Die älteste Kunstmesse der Welt kann, bildlich gesehen, vor Kraft nicht laufen. Hug sieht national keine Konkurrenz mehr, jetzt richtet sich der Blick nach Basel und Übersee. Vor fünf Jahren herrschte noch Untergangsstimmung, der Nymbus des traditionsreichen Kölner Kunstmarkts strahlte nur noch matt. Hug hat das Teilnehmerfeld gestrafft, an hundert Stellschrauben gedreht, vermeintlich Überflüssiges wie den Open Space wieder gekippt, dafür die junge Galerienplattform Nada nach Köln geholt.

Hug hat die alte Tante Art wieder ins Geschäft gebracht. Die Galeristen lohnen ihm das. Mehr oder weniger reumütig kamen Abtrünnige wie Annely Juda, Zwirner, Eigen + Art wieder zurück an den Rhein. Köln hat nun 200 Galerien aus 25 Ländern zu bieten, der größte Block kommt aus Berlin. Von der klassischen Moderne bis zur Gegenwartskunst reicht die Bandbreite, neben Klassikern des Kunstmarkts und arrivierten Künstlern präsentiert die Art Cologne unter dem Begriff "New Contemporaries" junge Galerien und unter "New Positions" bislang weniger bekannte Künstler. Auf diesen Feldern lassen sich schöne Entdeckungen machen.

[kein Linktext vorhanden] Das Gros der Besucher zieht es natürlich zu den Platzhirschen der Messe und einem Angebot, das die Konkurrenz mit Museumssammlungen nicht zu scheuen braucht. Freunde der Pop-Art werden bei Klaus Benden (Köln) und Warhols "Santa Claus"-Varianten (ab 24.000 Euro) fündig und staunen über das kleinste Bild der "Art": Tom Wesselmans 8,8 mal 8,6 Zentimeter messende Zeichnung kostet 24.000 Euro. Etwas größere Kleinformate von Gerhard Richter haben mehrere im Angebot (etwa Ludorff und Schwarzer).

Zwischen Thaddaeus Ropac (Salzburg, Paris) und Hans Mayer (Düsseldorf) entspinnt sich der spannendste Dialog der Messe: Mayer schlägt einen Bogen von Fontana, Paik, Kienholz zu einer aktuellen Arbeit von Robert Longo, eine Riesen-Kalaschnikow AK 47. Ropac antwortet mit Longos Lichtregen, außerdem mit brandneuen Arbeiten von Baselitz, Deacon und Wurm. Museumsqualität und große Namen von Kirkeby, Polke bis Nay hängen auch bei Michael Werner.

Warhols Kölner Dom glitzert bei Heinz Holtmann für 75 000 Euro. Bei Annely Juda hängt David Hockneys poetisches Frühwerk "Big Stone" für 1,15 Millionen Euro, daneben eine Sammlung russischer Suprematisten von Male-witsch bis Exter, die elegant die Kurve zu einer ganz neuen Arbeit Werner Haypeters bekommen.

Der Kölner Karsten Greve holt den Zeichner Paco Knöller wieder ins Gedächtnis, glänzt mit frischen Bildern Leiko Ikemuras und verblüfft mit einem ungewohnt lyrischen Großformat von Jannis Kounellis von 1963, das für 1,8 Millionen Euro zu haben ist. Dass der Grieche heute nicht mehr so viel zu sagen hat, zeigt eine Wandfüllende Installation mit Fischernetz und Anker von 2004 (420.000 Euro). Mit Zeichnungen von Ernst Ludwig Kirchner (ab 30.000 Euro) und einen fantastischen Straßenbild von 1926 (3,75 Millionen Euro) trumpfen die Schweizer Henze & Ketterer auf.

Zu den Entdeckungen: In punkto Malerei hat Eigen + Art (Berlin, Leipzig) oft die Nase vorn. In Köln zeigt Galerist Harry Lybke den begnadeten Bergisch Gladbacher David Schnell und den immer wieder faszinierenden Tim Eitel aus Stuttgart, beide in Leipzig geschult, beide mit ganz neuen Arbeiten. Thomas Rehbein (Köln) hat neue Fotoarbeiten von Andreas Gefeller auf dem Stand, Kollegin Marion Scharmann die exzellente Fotografin Martina Sauter im Programm, während Susanne Zander einen Fundus von 950 anonymen Polaroids weiblicher Film- und TV-Stars entdeckt hat (Stückpreis rund 550 Euro).

Die fragilen Skulpturen der Schottin Karla Black bei Gisela Capitain (Köln), die auch die Elfie Samontan (Aktfotos) mit ihrem verstorbenen Mann Martin Kippenberger (Multiples) zusammenkommen lässt. Barbara Gross hat aus München ein großartiges Ensemble von Kiki Smith mitgebracht. Christian Lethert (Köln) bleibt bei seinen Künstlern am Ball, zeigt neue Entwicklungen bei Lutz Fritsch und Daniel Lergon.

Bonner Gastspiel in Köln

Für einen Aufritt bei der Art Cologne hat es für die noch junge, aber sehr ambitionierte kunstgaleriebonn noch nicht gereicht. Kein Problem, dachten sich Gisela Clement und Michael Schneider, mieteten eine 160 Quadratmeter große Halle unweit der Messe, Thürmchenswall 68, an und zeigen dort unter dem Thema "Plastik" Arbeiten von Kirstin Arndt, Manuel Franke, Werner Haypeter, Martin Pfeifle und David Semper (bis 21. April, 11-21 Uhr, am Freitag bis 23 Uhr). 

Messe Köln; bis 22. April, 12-20 Uhr. Tagesticket 25 Euro. Programm: www.artcologne.de (Thomas Kliemann)