Kölner Museum Kolumba

Kunst trifft auf den Siegburger Kirchenschatz

Attraktion der Kolumba-Schau: der Anno-Schrein aus St. Servatius in Siegburg.

13.09.2013 KÖLN. Das Verhüllte, Verborgene, Versteckte weckt erst recht die Neugier, regt die Fantasie an. Unter Verschluss verbirgt sich in der Regel Wertvolles. Aber man weiß es nicht so genau. Also kann auch Alltägliches und Banales zum Mysterium transzendieren. Von der Kunst - Stichwort: Christos Reichstagsverhüllung - bis zur Kirche - Stichwort: Reliquienkasten, Schrein - buchstabiert sich die Ästhetik des Unsichtbaren.

Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln, hat daraus eine bemerkenswerte Ausstellung macht, die das Thema vom vermeintlich trivialen Kistchen bis zum erhabenen Schrein, vom pragmatischen Produktdesign bis zur Hochkunst, vom Witz bis zum spirituellen Erlebnis ausbreitet. Man ist geübt darin: Das Museum Kolumba, das sich einmal im Jahr "häutet", die eigene Sammlung neu befragt und in der Regel bis zu 90 Prozent neue oder neu arrangierte Stücke präsentiert, hat sich 2011 der Liturgie, ein Jahr später der Eucharistie gewidmet und präsentiert jetzt eine glänzende Schau zum Thema Schrein und das Verborgene.

Man muss bei dieser Ausstellung mit dem Höhepunkt beginnen, denn dieser Raum ist ein Ereignis, lohnt allein bereits den Besuch im Zumthor-Bau: Vier strahlende mittelalterliche Schreine, fein ziselierte, mit Ornamenten und Edelsteinen verzierte Reliquienbehälter in Haus- oder Truhenform, dominieren den Raum, an den Wänden hängen vier abstrakte Gemälde in Schwarz-, Grau- und Erdtönen, übersät von fein gestrichelten Bändern oder Streifen, die übereinander gestaffelt die Leinwand füllen und die Anmutung von weich fließendem Samt haben. Die 1937 in Kansas geborene Malerin Max Cole begegnet mit ihren faszinierenden Bildern vier Schreinen, Hauptstücken aus dem weltberühmten mittelalterlichen Kirchenschatz der Gemeinde St. Servatius in Siegburg.

Dass die in der katholischen Kirche in der Tat existierende "Schreinskommission" die Reise dieser unschätzbar wertvollen Stücke ausnahmsweise erlaubte, ist der Restaurierung von St. Servatius und dem Renommee von Kolumba geschuldet. Seit Juni wird in Siegburg gebaut.

Nun stehen der wunderbare Anno-Schrein (um 1183), ein Vorläufer des Dreikönigsschreins im Kölner Dom, der Benignus-Schrein (um 1190), der Honoratus-Schrein (13. Jahrhundert) sowie der dem Apollinaris, Alexius und Wunibaldus gewidmete Schrein des Hermann von Aldendorp (1446) im Raum. Extrovertierter, strahlender Prunk und christliche Ikonografie des Mittelalters auf der einen Seite, Innerlichkeit, Konzentration und Kontemplation unserer Tage auf der anderen. Zwei Aspekte spiritueller Versenkung - und Verhüllung. Max Cole, die von der kunstgaleriebonn vertreten und immer wieder präsentiert wird, hat hier ihre erste Museumsausstellung in Deutschland, ab kommende Woche ist sie auch in der Kölner Kunststation St. Peter zu sehen.

Alle Wege in Kolumba führen auf den Schrein-Raum zu. Ein Weg etwa verläuft über kunstvolle Kistchen, dem rostigen, gleichsam gesprengten "Sicherheitsschrank" von Felix Droese, Thomas Rentmeisters schokoladenbraunem geschlossenen Container mit Ventilator, Reliquienbehältern und und einem Apple-Monitor von 1990 bis zu einem Radio-Phono- "Schneewittchensarg" (Braun) von Dieter Rams und Kurt Bennings Videoarbeit "Hinterlassenschaft - Ein deutsches Erbe". Da wird mit monotoner Stimme das Inventar einer Wohnung heruntergelesen. Es ist das, was von der Existenz übrig bleibt.

Ein anderer Weg folgt dem Strang der Malerei, fahndet auch dort nach dem Verborgenen, dem Irrationalen. Man trifft auf übellaunige Schweine - wohl die von Kirke verzauberten Gefährten des Odysseus -, die in Christa Nähers riesigem Bild einem Gehäuse gegenübersehen, das ein Schrein oder auch das Tor in die Unterwelt sein könnte. Ein Miniformat von Alexej von Jawlensky gibt Rätsel auf: Es könnte ein Gesicht darstellen oder auch den Ausblick in eine diffuse Landschaft. Das Bild verhält sich hier wie ein Schrein, es aktiviert die Fantasie, reizt zur Spekulation über das Verborgene. Mit Gerhard Altenbourg, Raimund Girke und Rudolf de Crignis bietet dieser Weg weitere Attraktionen. Er führt zu Stefan Lochners wunderbarer "Madonna mit dem Veilchen". Auch da lässt sich immer wieder Neues entdecken. Schließlich gibt es auch dort eine Zone, die dem Augen des Betrachters verborgen bleibt.

Kolumba Köln; bis 25. August 2014, Mi-Mo 12-17 Uhr (Thomas Kliemann)