Tine Thing Helseth in der Kölner Philharmonie

Kaleidoskop zarter Emotionen

Hingebungsvolles Musizieren: Tine Thing Helseth bei der Probe in der Philharmonie. FOTO: THOMAS BRILL

Hingebungsvolles Musizieren: Tine Thing Helseth bei der Probe in der Philharmonie.

22.11.2015 Bonn. Die norwegische Trompeten-Virtuosin Tine Thing Helseth ist mit Konzerten von Sørensen und Haydn in der Kölner Philharmonie zu Gast.

"Reihenweise rote Augen und zitternde Lippen im Publikum" soll es vor zwei Jahren gegeben haben, als in Potsdam das Konzert "It is Pain Flowing Slowly on a White Wall" von Bent Sørensen zur Aufführung kam. Das Werk umarme "die Hörer durch seinen Raumklang". Ähnliches lässt sich auch vom Trompetenkonzert des 1958 geborenen dänischen Komponisten sagen. Vor zwei Jahren erfuhr es mit Tine Thing Helseth und dem Bergen Philharmonic unter Andrew Manze seine Premiere. Solistin und Dirigent interpretierten das Werk nun auch in Köln. Neu mit dabei die NDR Radiophilharmonie.

Wenn die Orchestermusiker vom Komponisten dazu aufgefordert sind, zu Beginn des Werkes die Hände zu reiben und im Mittelsatz einen leisen Summchor anzustimmen, dem sich zeitweilig ein einsames Cello melodisierend hinzugesellt, wird von der eigenwillig sensiblen Klangdramaturgie Sørensens bereits einiges evident. Der Musik fehlt es durchaus nicht an dissonanten Schärfungen, doch meist herrscht ein trunkener, dur-orientierter Klang vor, welchem Archetypisches eignet. Die Trompete agiert selten als Soloinstrument, fügt sich vielmehr in den Orchestersound ein, in welchem hier flirrende Glissandi mäandern, dort sanfte Glockenschläge ertönen. Ein Kaleidoskop zarter Emotionen von romantischer Prägung. Unzeitgemäß? Und wenn schon.

Die junge Norwegerin spielte ihren Trompetenpart hingebungs- und ausdrucksvoll, das Orchester bettete sie gewissermaßen in Samt und Seide. Die Publikumsredaktion war freilich seltsam zurückhaltend - keine roten Augen und zitternden Lippen. War Joseph Haydns populäres Trompetenkonzert Es-Dur Hob. VIIe:1 wirklich so viel einfacher zu hören? Nun spielte Tine Thing Helseth ihren Part zwar nicht gänzlich lupenrein, aber mit aller gebotenen Virtuosität und schönem Legato im Andante cantabile, welches auch das zugegebene norwegische Lied prägte.

Als Vertreter der "klassischen" Musik ist Haydn eine Galionsfigur bei der historischen Aufführungspraxis. Wird diese Interpretationsästhetik mitunter auch etwas übertrieben - beim Trompetenkonzert in der Philharmonie vermisste man sie fast schon schmerzlich. Die Hannoveraner Musiker spielten technisch solide, aber mit recht pauschaler Dauerlautstärke. Auf seinem links gelegenen Hörersitz wurde der Rezensent von dem Fortissimo der Orchestertrompeter nachgerade niedergemäht. Da hätte der Dirigent mehr steuern müssen.

Bei der Einleitung zu Haydns Oratorium "Die Schöpfung" ("Die Vorstellung des Chaos") machten seine leicht exzentrischen Anfeuerungen entschieden mehr Sinn und führten zu angemessener Wirkung im Sinne einer frühen Tondichtung. Später bei der vierten Sinfonie von Johannes Brahms gab es klangliche Leuchtkraft ohne Exaltation. Auch das zugegebene Allegretto grazioso aus der "Zweiten" korrigierte vorherige Irritationen ein wenig. (Christoph Zimmermann)