Kölner Museum Ludwig

Künstlerin Andrea Büttner zeigt die "Kritik der Urteilskraft"

Andrea Büttner vor ihren Offset-Collagen zu Immanuel Kants "Kritik der Urteilskraft".

03.09.2014 Köln. Mir war auch nicht klar, wie viele Klaviere der Kunst zum Opfer gefallen sind", schmunzelt Kuratorin Julia Friedrich. Ausschließlich Männer machten mit Axt, Spitzhacke oder Schlagbohrer Kleinholz aus etlichen Pianos, wie drei Projektionen von Andrea Büttner im Museum Ludwig zeigen.

Am systematischsten ging Raphael Ortiz ans zerstörerische Werk, auch Wolf Vostell und Joseph Beuys ließen sich nicht lumpen, während Video-Veteran Nam June Paik hauptsächlich sein Team dirigierte. Solch männlichem Destruktionsdrang stellte Büttner bei einer Performance in den Rocky Mountains weibliche Musikalität entgegen: Neun Pianistinnen spielten an neun Flügeln Schumann, Chopin und Monteverdi.

Ein Video des Konzerts läuft 40 Minuten (über neun Lautsprecher) an der Stirnwand des dunklen Teils im A/C-Saal des Museums. Wenn die Tasten schweigen, hört man das Getöse der kreativen Klaviermörder. Hier lässt sich über Geschlechterrollen oder Wiederholungszwänge (bei den stereotypen Zertrümmerungen wie beim Klavierunterricht) sinnieren.

Doch die aktuelle Schau heißt "Andrea Büttner. 2", und jenseits der Trennwand liegt die helle Hälfte des knapp neun Meter hohen Saals. Dessen Stirnseite hat die 1972 in Stuttgart geborene und abwechselnd in Frankfurt am Main und London lebende Künstlerin mit toten Computerbildschirmen tapeziert. Denkbar stärkster Kontrast zu diesen Mattscheiben: Büttners schlicht-suggestive Hinterglasbilder von Hügeln oder ihr "Zelt"-Holzschnitt sowie der Gipsabdruck von Moos. Traditionelle Kunst trotzt der modernen Bilderflut.

Die faszinierendsten Exponate aber sind elf große Offsetdrucke. Jeder ein kleines Fotoalbum mit unterschiedlichsten Bildern: Darstellungen historischer Bergbesteigungen, anatomische Studien, Internetschnappschüsse, Aufnahmen entfesselter Naturgewalten oder Idyllen.

Eine Zufallscollage? Keineswegs. All diese Motive setzt die studierte Philosophin in engste Beziehung zu Immanuel Kants "Kritik der Urteilskraft" (1790), die auch die Ästhetiklehre des Königsberger Denkers enthält. Es sind Bilder, die Kant entweder selbst im Text erwähnt oder die dessen Lektüre heraufbeschwört. "Ihre Reihenfolge auf den Drucken folgt dem Text", erklärt Büttner, die manche ihrer Motive anhand von Kants bestens dokumentierter Privatbibliothek recherchierte. Doch da findet man zwischen all den historisch beglaubigten Verweisen eben auch das Bild eines Vogelhäuschens, das Büttners Vater baute.

Alle Bezüge werden erst die Leser der von Andrea Büttner illustrierten Ausgabe des Kant-Werks entschlüsseln, die noch in diesem Jahr im Felix Meiner Verlag erscheint. Ein kleines Begleitheft zur Schau macht zumindest das Prinzip klar. Zum Foto farbstrotzender Fossilien auf dem Meeresgrund fragt der Philosoph, "warum die Natur allwärts verschwenderische Schönheit verbreitet habe", selbst dort, wo kein Auge sie sieht.

Und die Radierung "Totes Kind" korrespondiert mit Kants bitterer Erkenntnis, dass selbst die "Rechtschaffenen mit all ihrer Würdigkeit, glücklich zu sein, dennoch allen Übeln des Mangels, der Krankheiten und des unzeitigen Todes" unterworfen seien.

Doch selbst wenn einem solche intellektuellen Referenzen entgehen, bleiben die ästhetischen Reize dieser Collagen, in denen sich Polkes Zürcher Kirchenfester mit alten Stichen von Katastrophen oder tierischer (Biberbau) und menschlicher Kunst mischen.

Der Ausstellungstitel "2" ist übrigens doppeldeutig, meint neben den beiden Sälen auch das Entweder/Oder des Wertens. Wobei Andrea Büttner sagt: "Urteilskraft ist etwas Wunderbares, was man auch vermisst."

Mehr Informationen

Ab Freitag bis zum 15. 3. 2015. Di-So 10-18 Uhr, jeden 1. Do bis 22 Uhr. Heinrich-Böll-Platz. www.museum-ludwig.de. (Hartmut Wilmes)