Kölner Gürzenich-Orchester auf Europa-Tournee

François-Xavier Roth zeigt Haltung

Budapest/Zürich. Der Dirigent spricht beim Konzert in Budapest das Erstarken des Antisemitismus im Land an. Gefeiert werden die Musiker und ihr Chef dort ebenso wie in Zürich.

François-Xavier Roth ist ein charmanter Mensch. Und ein politischer. Nachdem 1229 Musikfans die fünfte Sinfonie von Gustav Mahler im ausverkauften Béla-Bartók-Konzertsaal des Kunstpalasts Müpa in Budapest heftig und rhythmisch beklatscht haben, wendet er sich den Menschen im Saal zu. Wenn Dirigenten so etwas tun, dann meist, um die Zugabe anzukündigen.

Das tut Roth an diesem Freitagabend auch, erzählt zuvor aber von seinem Lehrer János Fürst, der aus dieser Stadt gekommen sei, und geht dann fast beiläufig zu einem ernsten Thema über. „Budapest war etwas sehr Besonderes“, wird er mir als mitreisendem Journalisten der aktuellen Europa-Tournee des Kölner Gürzenich-Orchesters am nächsten Tag erzählen. „Mahler hat in dieser Stadt selbst viel musiziert, und mir war gestern sehr bewusst, dass der Antisemitismus dort wieder sehr erstarkt ist.“ Dass die Menschen auf der einen Seite das Violinkonzert des jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy und die fünfte Sinfonie des ebenfalls jüdischen Komponisten Gustav Mahler beklatschen, während draußen der Antisemitismus die Gesellschaft vergiftet, wollte er nicht unkommentiert lassen.

Roth setzt also seine auf Englisch gehaltene Rede fort, indem er die Ungarn daran erinnert, dass die Musik der beiden Komponisten des Abends während der Naziherrschaft nicht habe gespielt werden dürfen. Erst dann schwenkt er zur Zugabe: „Nicht aus Deutschland, sondern aus meinem Land.“ Das Adagietto aus Georges Bizets „L'Arlesienne“, das, wie Roth sagt, Mahler die Idee zu seinem berühmten Adagietto aus der Fünften geliefert habe.

Pauker mit Musikelfaserriss

Für das Gürzenich-Orchester war Budapest nach Turin die zweite von insgesamt vier Stationen seiner Europa-Tournee mit dem selben Programm. Zürich und Wien folgten noch. Viermal Mahlers Fünfte hintereinander bedeutet natürlich auch, dass einhundert Musikerinnen und Musiker samt Instrumenten bewegt werden müssen. Eine logistische Herausforderung, mit der das eingespielte Organisationsteam des Orchesters jedoch souverän fertig wurde.

Weniger planbar ist hingegen die gesundheitliche Verfassung reisender Musikerinnen und Musiker. Schniefende Nasen sind in dieser Jahreszeit natürlich an der Tagesordnung. Klarinettist Oliver Schwarz hatte es besonders fies erwischt. Selbst die Gehörgänge waren dicht. Aber in Zürich dann das kleine Wunder: „Nach den ersten Takten von Mahlers Sinfonie waren die Ohren plötzlich wieder frei!“, erzählt er und singt die Stelle vor, an der es passierte.

Dass aber ausgerechnet Carsten Steinbach, der Mann an der Pauke, sich einen Muskelfaserriss im Unterarm zuzog, ließ zuvor in Budapest die Stimmung dann doch etwas angespannter werden. Ein Ersatzmann war zwar schnell ausfindig gemacht. Doch Robert Schäfer saß mehr als 1000 Kilometer entfernt in der Heimat. Der Anruf bei ihm war sozusagen der Startschuss zu einem Wettrennen mit der Zeit. Er machte sich sofort auf den Weg und erreichte das Ziel denkbar knapp unmittelbar vor dem Konzert, wo Schäfer dann über sich hinauswuchs und die Pauke spielte, dass es eine Lust war. Wie überhaupt das Orchester sich bei diesem Auswärtsspiel in allerbester Verfassung zeigte. Schon in Mendelssohns Violinkonzert ließen sich die Musiker nicht nur von Roth, sondern auch vom Spiel der phänomenalen Solistin Isabelle Faust anfeuern. Nachdem sie in Budapest ein furioses Finale hingelegt hatte, beschenkte sie das begeisterte Publikum als Grußadresse noch mit einem Stück des Ungarn György Kurtág als Zugabe. Backstage wartete unterdessen ein anderer Landsmann und Kollege von ihm auf sie, um ihr zum Konzerterfolg zu gratulieren: der auch in Köln sehr bekannte und geschätzte Péter Eötvös.

Isabelle Fausts Bewunderer

Dirigent Roth zählt ebenfalls zu Fausts erklärten Bewunderern. Die Tournee und die drei vorausgegangenen Gürzenich-Konzerte sind eine Premiere in der Zusammenarbeit beider Musiker. Und könnten der Beginn einer wundervollen Freundschaft sein. „Ich war so unglaublich bewegt zu spüren, dass sie wie eine Schwester in der Musik für mich ist“, schwärmt Roth. „Sie ist Teil unserer Orchesterfamilie. Sie arbeitet bis zum Schluss mit, und es ist ihr unglaublich wichtig, mit den anderen wirklich zusammen zu musizieren. Ich lerne so viel von ihr.“ Tatsächlich nutzt Faust die Anspielprobe in der Zürcher Tonhalle Maag, um weiter am Werk zu feilen, wie etwa an den fürs Zusammenspiel von Holzbläsern und Soloinstrument heiklen Finalbeginn, der so schwerelos wirken muss wie ein Elfentanz. Im Konzert wird es gelingen.

Roth ist es sehr wichtig, mit seinen Musikern reisen zu können. „Das Orchester hat nicht so eine große Tournee-Tradition“, sagt der Dirigent. Es sei für die Entwicklung aber sehr wichtig, sich international zu präsentieren und aufzustellen. Dabei hofft er natürlich auf die weitere Unterstützung durch die Kölner Politik. Nachdem seit Anfang 2018 bereits ein eigener Haustarif gilt, der eine übertarifliche Vergütung ermöglicht, will Roth nun daran arbeiten, das Orchester personell aufzustocken. Auch vor dem Hintergrund der Wiedereröffnung des Opernhauses am Offenbach in nicht allzu ferner Zukunft. Das bedeute mehr Vorstellungen. „20 Musiker mehr wären ein guter Anfang.“ Eine kühne Forderung, aber auch eine realistische, wie Roth findet: „Köln zeigt sein großes Interesse an unserer Arbeit.“ Das gelte für OB Henriette Reker und viele Politiker ebenso wie für die Kölner selbst. Roth: „Die Leute erkennen mehr und mehr, wie toll das Orchester ist. Ich denke, es ist logisch, so eine Institution zu unterstützen.“

Derweil verfehlt in Zürichs Tonhalle Maag – eine stillgelegte Industriehalle, die als akustisch bestens funktionierende Ausweichspielstätte für die wegen Sanierung geschlossene Tonhalle dient – Mahlers Sinfonie ihre Wirkung nicht. Bruno Feldkircher bläst ein großartiges Trompetensolo, und Markus Wittgens lässt sein Horn im dritten Satz regelrecht tanzen. Am Ende gibt es Standing Ovations. Auch die Zürcher spricht Roth an: „Sie wissen, Mahler hat seine Sinfonie mit meinem Orchester uraufgeführt.“ Roth erntet Lacher und einen kräftigen Extraapplaus, bevor er noch einmal mit dem Adagietto aus Bizets „L'Arlesienne“ zeigt, wie schön musikalische Aufklärungsarbeit klingen kann.