Lebensweg des Bildhauers Lajos Barta

Exil in Rolandseck

Lajos Barta mit seiner Figur "Schwingende", die im Bonner Stadtgarten aufgestellt wurde, um 1970.

Lajos Barta mit seiner Figur "Schwingende", die im Bonner Stadtgarten aufgestellt wurde, um 1970.

REMAGEN. Ein Künstler ohne Kunst: Das ist eine schlimme Vorstellung. Als der Ungar Lajos Barta 1965 in Johannes Wasmuths Künstlerbahnhof Rolandseck als einer der ersten sein Atelier beziehen durfte, stand er genau vor diesem Problem. Ein Buch beleuchtet den abenteuerlichen Lebensweg des Bildhauers.

Ohne seine Kunst hatte der damals schon über 60 Jahre alte Bildhauer sein Heimatland verlassen - vorangegangen waren Pressionen und Schmähungen seiner Kunst -, bekam über die Schweizer Botschaft in Köln Kontakt zu dem Galeristen Wasmuth, der ihm in Rolandeck eine Bleibe auf Zeit anbot.

Damals entwickelte sich der Künstlerbahnhof zu einem vielbeachteten Kulturzentrum, zu einem Treffpunkt von Künstlern, Literaten und Musikern. Barta profitierte von diesem Netzwerk aus Politikern der Bonner Republik, Sammlern und Künstlerkollegen, bekam erste Porträtaufträge, begann sich wieder ein Oeuvre aufzubauen, wobei er etliche in Ungarn zurückgebliebene Werke nachschuf.

Ulrich Winkler, profunder Barta-Kenner, beschreibt die Jahre in Bonn und Rolandseck in der gerade erschienenen Biografie "Lajos Barta. Emigration" sehr lebendig.

In Winklers Buch, das den künstlerischen Werdegang des Ungarn und dessen Verankerung in der europäischen Moderne beleuchtet, nimmt das Rolandseck/Bonn-Kapitel eine Schlüsselposition ein. Denn im Rheinland bekam Barta die breite Wertschätzung, die er in Ungarn vermisst hatte.

Winkler beschreibt die kulturpolitischen Wirrungen sehr anschaulich: die Anfänge in Ungarn, die Lehr- und Wanderjahre des Homosexuellen Barta in Europa, die Entdeckung der Moderne in Paris, wohin Barta mit seinem Freund, dem Maler Endre Rozsda 1938 emigriert.

1942, in einer Phase, in der Barta zeichnerisch Neuland betritt, bekommt er in Paris den Stempel "J" für "Juif" (Jude) in seinen Ausweis, wird verhaftet, flieht mit Hilfe von Picassos Ex-Freundin Françoise Gilot mit gefälschten Papieren über Berlin und Wien ins damals noch friedliche Budapest. 1944 besetzt die Wehrmacht Ungarn, Barta muss den Judenstern tragen.

Mit der Befreiung Ungarns durch die Sowjetarmee beginnt eine neue Phase in Bartas Leben: Er wird Mitglied der Kommunistischen Partei, findet und pflegt seinen künstlerischen Stil, abstrakte organische Formen. Die Freiheit währt nur wenige Jahre.

Bald wird er als Vertreter der Avantgarde von der ungarischen Kulturpolitik, die den Sozialistischen Realismus propagierte, in Abseits gestellt. Winkler dokumentiert, wie sich Barta am Rande der Selbstverleugnung unter das Diktat der Kulturpolitik stellte. Er ging in die innere Emigration, erst nach dem Ungarnaufstand konnte er sich wieder als abstrakter Künstler in der Öffentlichkeit präsentieren.

1962 durfte er in den Westen ausreisen, er besuchte England und Frankreich, 1965 startete er seine zweite Künstlerkarriere im Rheinland.

Barta freute sich über ein breites Presseecho, es gab TV-Sendungen vom Künstlerbahnhof, in denen man "den charmanten älteren Bildhauer aus Ungarn mit seiner ungewöhnlichen Vita" (Winkler) vorstellte. Auch der Kunstbetrieb wurde auf Barta aufmerksam.

So stellte 1970 etwa das Städtische Kunstmuseum Bonn sein Werk aus, das Plakat zierte seine Skulptur "Akrobaten". Barta erhielt Aufträge für Skulpturen, etwa in Wuppertal und Bonn.

Eberhard Marx, Bonner Museumschef, brachte eine Barta-Skulptur in die Diskussion um einen Ankauf: die "Schwingende" (1971), die eigentlich "Angst" hieß, die im Bonner Stadtgarten aufgestellt wurde. Während dieses Ambiente, mitten in der Natur mit dem alten Baumbestand, sehr gut zu Bartas Kunst passt, muss eine andere Bonner Barta-Figur, "Couple", ein bitteres Dasein fristen.

Ihre "Schwester" steht im Wuppertaler Park Am Uellenberg, das Bonner Pendant muss sich seinen Platz auf einem engen Parkplatz an der Rathausgasse mit den Autos von Stadtbediensteten teilen.

Barta starb am 13. Mai 1986 in Köln. Die Beisetzung richtete die Kölner Freimaurerloge "Zum Ewigen Dom" aus.

Ulrich Winkler: Lajos Barta. Emi-gration. Hatje Cantz Verlag, 207 S., 45 Euro