Acht-Brücken-Festival in Köln

Ein Paar muss durch die Hölle gehen

Nach der Uraufführung: (Von links) Alan Gilbert, Peter Eötvös und Anne Sofie von Otter sind glücklich.

Während die New Yorker Philharmoniker auf Tournee sind, die sie jetzt zu einem sensationellen zweitägigen Gastspiel auch nach Köln führte, hält man daheim Ausschau nach einem Nachfolger für den aktuellen Chef Alan Gilbert, der das Orchester 2017 auf eigenem Wunsch verlassen wird.

Viele Namen sind da in Umlauf, darunter auch der des komponierenden finnischen Dirigenten Esa-Pekka Salonen. Dass just ein Werk von ihm den Auftakt des zweiten New Yorker Abends bildete, dürfte aber purer Zufall sein. Seine Komposition "Nyx" von 2011 ist viel mehr Teil einer Programm-Dramaturgie, mit der am Freitag in der sehr gut besuchten Philharmonie das Kölner Neue-Musik-Festival "Acht Brücken" offiziell und mit begrüßenden Worten von Philharmonie-Chef Louwrens Langevoort und WDR-Intendant Tom Buhrow eröffnet wurde.

Salonen hat ein prachtvolles Werk geschrieben, das die Möglichkeiten des Orchesters so brillant auskostet, als wäre er ein Nachfahre des Klangzauberers Maurice Ravel. Aber das von Gilbert mit klaren Gesten schön strukturierte Opus war am Ende dann doch nicht mehr als ein Appetizer für die folgenden, inhaltlich gewichtigeren Stücke, nämlich Béla Bartóks Konzertsuite aus "Der Wunderbare Mandarin" und die in italienischer Sprache erfolgte Uraufführung von Peter Eötvös' Einakter "Senza sangue".

In diesem Jahr steht das Festival unter dem Motto "Musik. Politik?". Zwar ist Bartóks "Mandarin" nicht genuin politische Musik, doch der Skandal um die Kölner Uraufführung im Jahr 1926, machte sie nachträglich dazu. Wegen der angeblich unmoralischen Handlung gab es so starke Tumulte im Theater, dass sich Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer genötigt sah, das Werk absetzen zu lassen. Diesmal freilich gefiel's den Kölnern. Das etwa 120 Musiker starke Orchester spielte die Musik mit größter Präzision und einer Wucht, die einem schlicht den Atem verschlug. Auf der anderen Seite zeigten aber etwa auch die von Anthony McGill auf der Klarinette mit größter Hingabe intonierten Lockrufe des Mädchens, dass die intimen Momente der Musik nicht verloren gehen.

Der von Kölnmusik und den New Yorkern in Auftrag gegebene Operneinakter "Senza sangue", den Eötvös nach dem in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Ohne Blut" erschienenen Novelle von Alessandro Baricco komponierte, ist schon vom Thema her durchaus politisch. Es geht um Schuld und Erinnern. Eine Frau und ein Mann sehen sich nach vielen Jahren wieder. Sie haben eine gemeinsame Geschichte: In jungen Jahren hatte er während des Bürgerkriegs mit seinen Kameraden die Familie der Frau, die noch ein kleines Mädchen war, getötet.

In den folgenden Jahren nimmt sie blutig Rache an seinen Kameraden. Ihn aber, der sie damals gerettet hat, wird sie verschonen. Sie sucht so etwas wie Erlösung in der Begegnung, wenn sie davon träumt, "in die Hölle zurückzukehren, die uns hervorgebracht hat". Nun will sie immer wieder von ihm gerettet werden. Eötvös spielt virtuos mit Klangschattierungen, die Mischung von Fagotte und Bratschen etwa gibt eine ganz eigentümliche Stimmung.

Suggestiv ist auch die Episode vor dem ersten Einsatz des Baritons, die den Orchesterklang in die Höhe schraubt, bevor es dann vom schweren Blech gleichsam aufgefangen wird. Eötvös setzt nervöse Pizzicati, arbeitet mit dynamischen Extremen. Anne Sofie von Otter (Mezzosopran) und Russell Braun (Bariton) verleihen dazu dem seltsamen Paar sehr menschliche Züge, indem sie das komplexe Seelenleben der Figuren hörbar machen. Und Gilbert leitet die Philharmoniker zu unglaublich klangsensiblem Spiel an. Anders, so macht es den Eindruck, sollte Eötvös' Partitur nie klingen. Das Publikum feierte die Uraufführung mit großem Beifall.