Konzert in der Kölner Philharmonie

Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla begeistert in Köln

Chefin in Birmingham: Mirga Grazinyte-Tyla.

Chefin in Birmingham: Mirga Grazinyte-Tyla.

Köln. Beim Konzert des City of Birmingham Symphony Orchestra zeigt Yuja Wang einmal mehr ihre Meisterschaft als Virtuosin.

Gerade erst hat Mirga Grazinyte-Tyla Geschichte geschrieben: Die 32-jährige Litauerin ist in den mehr als hundert Jahren, seit es die Deutsche Grammophon gibt, die erste Dirigentin, die sie unter Vertrag genommen haben. Ihre Debüt-CD füllte Grazinyte-Tyla nicht mit den üblichen Klassikern, sondern mit zwei Sinfonien des jüdisch-polnischen Komponisten Mieczysław Weinberg, die sie zusammen mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO) und Gidon Kremers Kremerata Baltica aufnahm. Mit Weinberg eröffneten die Dirigentin und ihr Orchester, dessen Chefin sie mit nur 29 Jahre wurde, nun auch ihr Gastspiel in der Kölner Philharmonie.

Hört man die Einspielungen der ebenso originellen wie großartigen Sinfonien, mag man es fast ein wenig bedauern, dass Grazinyte-Tyla den einst mit Dmitri Schostakowitsch eng befreundeten Komponisten am Sonntagabend in Köln nur mit Rhapsodie über Moldawische Themen op. 47/1 zu Wort kommen ließ. Deren folkloristischer Grundton ist zwar extrem wirkungsvoll gesetzt, wie man dem mit temperamentvollen Spiel der CBSO-Musiker entnehmen konnte, verzerrt aber das Bild des vor 100 Jahren geborenen und immer noch zu wenig aufgeführten Komponisten ein wenig.

Für das Solokonzert des Abends hatte man die chinesische Starpianistin Yuja Wang verpflichtet, deren Spiel in der Regel ebenso spektakulär ist wie ihre Garderobe. Wenn sie in einem hautengen weißen Glitzerkleid und auf goldenen High Heels in den Saal balanciert und sich dann ganz entspannt an den Flügel setzt, fühlt man sich ein wenig an ein Bonmot von Karl Lagerfeld erinnert: „Stress? Kenne ich auch nicht. Ich kenne nur Strass.“

Auch in ihrem Spiel ist die glitzernde Oberfläche von Bedeutung. Was vor allem ihre virtuosen Interpretationen der Klavierwerke von Sergej Prokofjew oder Maurice Ravel unschlagbar macht. In Robert Schumanns Klavierkonzert in a-Moll sind freilich noch ein paar andere Qualitäten gefragt, die sie aber auch mit viel Fingerspitzengefühl herausarbeitete.

Kadenz mit Leidenschaft

Der Beginn des Konzerts mit seinen herabstürzenden Akkorden geriet indes noch ein bisschen überstürzt. Als das Orchester diesen Impuls mit dem von der Oboe vorgetragenen, verträumten Thema wieder auffing, setzte der eigentliche Dialog zwischen Orchester und Solistin ein, der von Mirga Grazinyte-Tyla einfühlsam moderiert wurde. Yuja Wang hörte den Phrasierungen ihrer Mitspieler sehr genau zu, griff sie auf, um im nächsten Augenblick die Führung zu übernehmen, ein Dialog, der schließlich in der Kadenz mündete, die sie mit ungeheurer Leidenschaft bewältigte. Wunderbar auch der lyrische zweite Satz und das von Yuja Wang perfekt ausbalanciert dahinfließende Finale.

Mit Johannes Brahms' zweiter Sinfonie in D-Dur setzte das Orchester noch einen markanten Schlusspunkt. Da war alles stimmig und unter ihrer Leitung sorgfältig ausphrasiert bis hin zu dem Schluss, wo die schönen Trompeten blasen. Begeisterter Beifall, dem keine Zugabe folgte, dafür eine von Mirga Grazinyte-Tyla in bestem Deutsch vorgetragene Einladung, in der nächsten Saison nach Birmingham zu kommen, um den 100. Geburtstag des Orchesters mitzufeiern.