50. Kunstmesse Art Cologne

Die alte Tante macht sich fein

Riesenkürbis als Hingucker: Yayoi Kusamas Kunstwerk vor dem Stand von David Zwirner.

Riesenkürbis als Hingucker: Yayoi Kusamas Kunstwerk vor dem Stand von David Zwirner.

Köln. Mit einer wahren Kunstgala feiert die Kölner Messe bis zum Sonntag Jubiläum. Im Angebot sind Werke der klassischen Moderne bis zur Gegenwart. Auch der Galeristennachwuchs und junge Talente haben ihr Forum.

Das ist keine Art Cologne wie alle anderen. Das deutete sich schon am Mittwoch bei der Eröffnungspressekonferenz an, bei der – völlig unüblich – die Kölner Stadtspitze die Nähe zum Kunstvolk suchte: Oberbürgermeisterin Henriette Reker erinnerte an die heroischen Pioniertage der Kunstmesse anno 1967 und betitelte die nun 50. Art Cologne mit ihren 218 Ausstellern aus 24 Ländern als „Weltereignis, das die Strahlkraft Kölns in die Welt deutlich macht“. Arm, aber sexy? Reker sprach nämlich auch von knappen Kassen in Köln. Die des solventen Publikums, das in wahren Scharen ab 12 Uhr zur Vernissage die Messehalle flutete, können damit nicht gemeint sein. Die Stimmung und damit wohl auch die Kauflaune könnten nicht besser sein.

Weggewischt sind die bereits üblichen Proteste nicht zur Art zugelassener rheinischer Galeristen über die intransparenten Aufnahmekriterien, Einwände, die von Art-Cologne-Chef Daniel Hug mit unschuldigstem Lächeln und dem Satz „Bei uns zählt nur künstlerische Qualität“ pariert wurden. „Schwamm drüber“ auch über den Knatsch mit Berlin, wo man sich über die angeblich willkürlich herbeigeführte und von Berlin als unfreundlichen Akt empfundene Terminkollision von Art Cologne und Gallery-Weekend 2017 in der Hauptstadt ereiferte. Es gibt plausible Erklärungen dafür.

Kopfschütteln schließlich bei Messe und Galeristenlobby über die gestern stattgefundene Anhörung zum Kulturgutschutzgesetz im Bundestag, zu der auch die wichtigsten Galeristen der Republik geladen waren – die sich doch alle, so der Galeristen-Funktionär Kristian Jarmuschek, in Köln bei der Messe-Vernissage befänden!

Es gibt also reichlich Gesprächsstoff in den drei Etagen der Halle elf. Und sonst? Business as usual? Nicht ganz. Die alte Tante Art hat sich fein gemacht, es geht feierlich zu: eine Jubiläums-Art-Gala. Da wird nicht nur in der ausgezeichneten Ausstellung des Zentralarchivs des internationalen Kunsthandels (Zadik) über die Geschichte der ältesten Kunstmesse der Welt Rückschau gehalten. Die Deutsche Bank zeigt Kunst aus dem Eröffnungsjahr 1967, die Telekom wird zu Recht für ihre Förderung des künstlerischen Nachwuchses, der „New Talents“, gewürdigt und präsentiert sich selbst als Sammlerin. Auch die Galeristen sind sichtlich in Feierlaune: Man will Besonderes bieten. Das tut zum Beispiel der in diesem Jahr mit dem Art-Cologne-Preis ausgezeichnete Münchner Raimund Thomas, Galerist der ersten Stunde, der beinahe hundert kostbare Kleinformate im Programm hat, darunter als echtes Schnäppchen eine Big-Mac-Box aus bemalter Bronze von Tom Sachs für 17 000 Euro.

Der Kölner Karsten Greve zeigt ein museumswürdiges Ensemble mit Prangenberg-Keramik, präpariertem Getier von Claire Morgan und wunderbarer Malerei von Lawrence Carroll, das er mit einer tollen Bilderstrecke des jungen Israelis Gideon Rubin eröffnet. Greves Kollege Heinz Holtmann streut Salz in Kölner Wunden: Boris Beckers Riesenfoto zeigt das völlig entkernte Opernhaus der Domstadt (2013). Ein kapitaler, liegender, rosafarbener Kopf von Paul McCarthy empfängt den Besucher bei Hauser & Wirth – echte Wandmalerei von Richard Jackson, die die Messe nicht überleben wird, schafft Ambiente, Jason Rhoades leuchtende Installation ist nur ein Blickfänger von vielen.

Bei David Zwirner eröffnet ein getüpfelter Mega-Kürbis von Yayoi Kusama marktschreierisch ein sehr delikates Ensemble, das unter anderem wunderbare Arbeiten von Thomas Ruff und Bridget Riley zu bieten hat. Der Kölner Thomas Zander schlägt einen Bogen von Jürgen Klaukes Serie „Körperzeichen, Zeichenkörper“ über eine Minimal-Skulptur von Donald Judd bis zu den hinreißenden „Tulsa“-Fotos von Larry Clark aus den 1960ern. Überhaupt Fotografie: Horst P. Horsts Serie, die er 1966 in Cy Twomblys Wohnung in Rom für die Vogue fotografierte, ist ein Hingucker. Erstmals ist dieses starke Portfolio auf dem Markt: für 15 000 Euro das Set bei Bernheimer.

Das betuchte Publikum hat es auf der 50. Art mit mehr Millionen-Euro-Kunst denn je zu tun. Schönewald füllt eine Kojenwand mit Gerhard Richters fantastischem Jacquard-Wandteppich „Yussuf“ (Auflage acht Exemplare) für 2,2 Millionen Dollar. Bei Thomas Salis hängt ein früher Fernand Léger für 4,85 Millionen Euro, nicht weit davon ein hinreißendes rotes Pferd von Chagall für 5,5 Millionen. Erschwinglich dagegen Georg Baselitz' neues Grau-Bild mit dem Titel „Wir haben im Keller die Briketts mit Kreidepulver bestreut“, das das Motiv nicht kopfüber, sondern rechts aus dem Bildformat strebend zeigt und für 480 000 Euro bei Ropac zu haben ist.

Die Devise dieser opulenten Messe heißt generell: Augen auf – nicht nur bei John de Andreas lebensgroß liegender nackter Lisa aus naturalistisch bemalter Bronze und Kim Kardashians voluminöser Rückseite, die Promifotograf Juergen Teller im Panoramafoto festgehalten hat. Die alte Tante Art gibt sich sexy. Doch Vorsicht: „Noch ein Ding, das sich für Kunst hält“, ist Ben Vautiers Schriftbild betitelt (Lange+Pult aus Zürich). Ein kleiner Hinweis darauf, dass man auch bei der Jubiläums-Art trotz aller Schauwerte den (Kunst)-Verstand einschalten sollte.