Konzert in der Kölner Philharmonie

Cecilia Bartolis pure Musizierlust

Geläufige Gurgel: Mezzospranistin Cecilia Bartoli.

Geläufige Gurgel: Mezzospranistin Cecilia Bartoli.

Köln. Die italienische Mezzosopranistin ist wieder mit Musik von Vivaldi unterwegs. Jetzt brillierte sie in Köln.

Wenn in der Liebe was schief läuft, verwandeln sich Italienerinnen in gefährliche Temperamentsbomben. Die düpierte Prinzessin Zanaida deckt in Antonio Vivaldis Oper „Argippo“ den gleichnamigen Prinzen mit einer Salve messerscharfer Koloraturen ein, die sich gewaschen hat. Gut, die Handlung spielt in Indien, aber Vivaldis Furor ist definitiv italienisch. Hinter der vermeintlichen Beruhigung in der Arienmitte brennt schon die Lunte der nächsten Explosion.

„Se lento ancora il fulmine“ war die am meisten geharnischte der Preziosen, die Cecilia Bartoli für ihr Kölner Gastspiel herausgesucht hatte. „Viva Vivaldi!“ heißt ihr Tourneeprogramm, parallel dazu ist ihre aktuelle Vivaldi-CD auf den Markt gekommen. Es ist ihre zweite intensive Beschäftigung mit Vivaldi. „Zeffiretti che sussurrate“ war als Reminiszenz an ihren Sensationserfolg von 1999 mit im Programm.

Jugendliche Wendigkeit und musikalische Reife

Schade, dass sie ihre Lanze für den Barockmeister nicht 50 Jahre früher brechen konnte. Strawinskys sattsam bekanntes Fehlurteil, Vivaldi sei ein langweiliger Mensch gewesen, der 400 Mal dasselbe Konzert geschrieben hat, wäre ihm selbst und der Nachwelt erspart geblieben. Wie sehr Vivaldis Konzert- und Opernschaffen miteinander verwoben sind, ergab sich daraus, wie nahtlos die Arien und Konzertsätze dieses Abends ineinander übergingen.

Die Bartoli vereint die stimmliche Wendigkeit einer 20-Jährigen mit der technischen Souveränität der reifen Künstlerin. Wie schon vor zwei Dekaden gibt sie wieder einen Eindruck davon, wie sträflich der Opernkomponist Vivaldi vernachlässigt wird. Das Lyrisch-Emotionale, das sie diesmal mehr in den Vordergrund stellt, steht der Bartoli prächtig. Die männlichen Kastratenpartien singt sie mit femininer Attitüde, weich, sensibel und mit einer atemberaubenden dynamischen Dramaturgie. Ihr Mezzosopran schafft es mühelos in den Fokus des Geschehens, ohne dass sie dabei laut werden müsste. Wenn sie „gelido in ogni vena“ in den höheren Registern piano singt, sind das intime Momente von erlesener Kostbarkeit.

Orchestrale Zwischenspiele

Mit den „Musiciens du Prince – Monaco“ hat sie sich „ihr“ Orchester selbst gegründet und auf Dezenz eingeschworen. Trotz der für barocke Verhältnisse üppigen Besetzung machte man im Rücken der Bartoli keinen Krawall. Mit Auszügen aus den „Jahreszeiten“ durfte sich das Orchester unter Leitung von Gianluca Capuano dann instrumental präsentieren. Andrés Gabetta war der Violinsolist. Alles sehr proper, aber eine Spur zu exaltiert, sehr stark aus der unbestreitbaren Geläufigkeit der Finger heraus empfunden. Jean-Marc Goujon hat das Orchester um seine exzellenten Traversflötenkünste bereichert. Und ein paar Kölner haben sich als Teilzeit-Monegassen unters Orchester gemischt, Lautenist Michael Dücker, Trompeter Thibaud Robinne und Oboist Pier Luigi Fabretti. Im Zugabenteil lieferten sie sich in den Kadenzen zweier Arien von Agostino Steffani Duelle mit der Bartoli. Mit den Worten „da ist nichts zu machen“ räumte Robinne das Feld. Mozart hat sie dann noch gesungen, „Voi che sapete“ aus dem „Figaro“, und Ernesto de Curtis Schmachtfetzen „Non ti scordar di me“ – ein Fest purer Musizierlust, von der vollbesetzten Philharmonie enthusiastisch gefeiert.