Kölner Palladium

Bravos und Buhs für Helene Hegemanns Wedekind-Adaption "Musik"

Geschundene Seelen: Gloria Rehm (Klara) und Dalia Schaechter (Klaras Mutter) in der Kölner Produktion "Musik".

Köln. Selten wird in einer Oper soviel geredet wie in der Kölner Musiktheaterproduktion "Musik" nach Frank Wedekinds etwas angejahrtem Sittengemälde aus dem Jahre 1908.

Es mag daran liegen, dass man die eloquente, durch ihren 2010 mit 18 Jahren veröffentlichten Roman "Axolotl Roadkill" und den damit einhergegangenen Plagiatsvorwürfen zu Berühmtheit gelangte Jungautorin Helene Hegemann als Librettistin für das Stück ausgewählt hatte, die den originalen Text beinahe komplett ersetzt und ihm den hübschen Untertitel "I make hits, motherfucker" gibt. Hätte Komponist Michael Langemann jedes von ihr geschriebene Wort vertonen müssen, es wäre ein endloser Opernabend geworden.

Das Autorentrio, dem noch die fürs Konzept verantwortliche Dramaturgin Janine Ortiz angehört, wählte jedoch eine andere Strategie, baute das Drama in ein multimediales Crossover-Spektakel um. Im Kölner Palladium feuert man aus allen Rohren: Sprache, Musik, Tanz, Kino: Nicht weniger als ein Gesamtkunstwerk soll es sein. In Wirklichkeit aber erlebt man eine multimediale Reizüberflutung, die jegliche tragische Fallhöhe des Stoffes einebnet.

Der Palladium-Bühne, die Janina Audick für "Musik" gebaut hat, behält ihren Charme als Rock'n' Roll-Halle. Sie ist dunkel, Lichtprojektionen bilden ein Triptychon. Immer wieder dient ein transparenter Vorhang als Kinoleinwand für filmische Zwischenspiele (Video: Kathrin Krottenthaler), die ebenso Popkultur zitieren wie die Musik und die Sprache.

Leitmotivisch etwa taucht David Bowie auf, als Schriftzug auf der Jacke der Protagonistin Klara oder, im Film, mit einem aufgeschminkten Ziggy-Sturdust-Blitz im Gesicht. Hegemann, die in "Musik" auch erstmals als Opernregisseurin arbeitet, bekennt sich nicht nur zu ihrer Herkunft aus dem Sprechtheater, sondern auch zu ihrer kulturellen Sozialisierung mit der Popmusik und zu ihrem Fremdeln gegenüber der traditionellen Oper. Gerade daraus will sie ihre "Idealvorstellung vom Musiktheater" entwickeln.

Aber es bleibt wohl ihre persönliche Idealvorstellung. Denn nichts wirkt in dieser Inszenierung wirklich zwingend. Schon gar nicht die Entscheidung für Wedekinds Text. Darin wird die junge, angehende Wagner-Heroine Klara von ihrem privaten Gesangslehrer Josef, der ihr eine Traumkarriere verspricht, gleich zwei Mal geschwängert; nach dem ersten Mal drängt er sie gemeinsam mit seiner Frau Else zur Abtreibung.

Sie wird deshalb verhaftet, verbüßt im Gefängnis ihre Strafe; nach der Entlassung kehrt sie zu Josef und Else zurück, wird erneut schwanger, will nun aber nicht mehr abtreiben. Aber seine Geburt überlebt das Kind nicht. Natürlich ist die Musik das die Handlung vorantreibende Motiv, sie dient als Vehikel für die Erfüllung des Traums von Glück, Glanz und Ruhm, aber am Ende ist sie doch nur Quelle allen Übels.

Komponist Michael Lange-mann, Jahrgang 1983 und Schüler von Manfred Trojahn und George Benjamin, erweist sich in der Musik-Adaption als souveräner Routinier, der sich in der Musikgeschichte bestens auskennt, den großen Orchesterapparat mit avantgardistischen Geräuschflächen ebenso füttert wie mit Wagners "Tristan"-Klängen, Minimal Music oder Zitaten aus der Pop- und Filmkultur. Besonders überzeugend ist er dort, wo seine Musik längere Filmsequenzen untermalt. Da entwickelt sie einen echten epischen Sog. Das Gürzenich Orchester unter Leitung von Walter Kobéra leistet in dem von einem Laufsteg eingekreisten Orchestergraben präzise Arbeit.

Die Hauptrollen verlangen ihren Darstellern viel ab, zumal sie nicht nur singen, sondern auch eine Menge Sprechtext zu bewältigen haben, die zum Teil wie im Melodram von Musik begleitet werden. Der Sopranistin Gloria Rehm gelingt dieser Spagat als Klara ausgezeichnet, ihre beeindruckendste Szene hat sie am Schluss, wenn Langemann ihr eine echte Opernszene mit höllisch schweren Koloraturen schreibt, in denen sozusagen noch einmal die gute alte Oper heraufbeschworen wird. Auch Bariton Henryk Böhm als Josef beeindruckt musikalisch und spielerisch.

Elses Geliebter Franz findet in John Heuzenroeder einen engagierten Darsteller, Dalia Schaechter als Klaras Mutter und Lucas Singer als Arzt in Mönchshabit überzeugen ebenfalls. Nur Else darf nicht singen. Sie wird von der Schauspielerin Judith Rosmair brillant als kaltes Societygirl gegeben. Dass man der Kölner Dancefloor-Szene in diesem mit eindreiviertel Stunden deutlich zu langem Stück auch noch eine Nische im Stück freigeräumt hat, wirkt so unmotiviert wie überflüssig. Am Schluss hielten sich Bravos und Buhs die Waage.

Weitere Vorstellungen: 11., 14., 19. und 22. Dezember. Karten in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.