Im Kölner Gloria

Boy George gibt ein umjubeltes Konzert

Musikalisch saß (fast) alles: Boy George im Konzert.

KÖLN. Es geschah mitten im vierten Lied. "Hört auf zu filmen!" Boy George lässt einen bitterbösen Blick auf die Zuschauer im rappelvollen Gloria in Köln los, die, wie es mittlerweile Usus geworden ist, das Konzert mit dem Handy aufnehmen.

"Ich bin hier, ihr seid hier, und ich singe live für euch!" Jubel für diese Ansage. "Und wenn ihr jemanden seht, der filmt, nehmt ihm ruhig sein Handy weg. Enjoy what you see here!" Und an dem, was man an diesem Abend im Gloria geboten bekam, konnte man wirklich seine Freude haben!

Es sind solche Geschichten, die man in der Pop-Kultur liebt, Geschichten vom Aufstieg in höchste Höhen - und vom tiefen, tiefen Fall. Auch Boy George landete nach den Erfolgen mit Culture Club in den 80ern irgendwann ganz unten. Öffentliche Tiefpunkte: Ein New Yorker Gericht verurteilte ihn 2006 zu Sozialstunden. Die Fotos, die ihn beim Müllsammeln zeigten, gingen um die Welt - genauso wie die Fotos, nachdem er von einem Londoner Gericht wegen Freiheitsberaubung zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt worden war. Da sah man nicht mehr den schillernden Paradiesvogel, sondern ein stiernackiges, glatzköpfiges Ekelpaket.

Bei seinem einzigen Deutschland-Konzert bewies er nun, dass die Fotos, die zur aktuellen CD "This Is What I Do" erschienen, nicht gelogen haben. Der 52-Jährige hat sich wirklich noch einmal berappelt: Das Gesicht hat wieder Konturen. Und was man unter dem Outfit (bestehend aus Hut, Jackett und mehrlagigem Hängerchen à la indische Hausfrau) ahnen kann: Er hat reichlich abgenommen. Der Mann strahlt - mal abgesehen vom berechtigten Handy-Film-Verbot, an das sich übrigens brav gehalten wurde! - reine Lebensfreude aus.

Und auch musikalisch sitzt (fast) alles. Unterstützt von einer Band mit Gitarre, Bass, Keyboards, einem formidablen Bläser-Trio und zwei Sängerinnen, klingt Boy George so gut, wie man sich das nicht vorstellen konnte - wenn man ihn vor rund 20 Jahren schon einmal erlebt hat. Hat er Gesangsstunden genommen?

Die Antwort: Er setzt auf Reggae. Der Großteil des zweistündigen Konzertes wird mit Songs des neuen Albums bestritten. Wummernde Bässe, hallende Dub-Sounds, ska-mäßige Bläser und Toasting, da kommt einem schnell der Gedanke: nächste Station Summerjam? Dass diese Art der Musik für seine Stimme genau das Richtige ist, merkt man, sobald es an das Culture-Club-Repertoire geht, das nur sehr spärlich zum Einsatz kommt.

"Church Of The Poison Mind" wird in den Strophen melodisch leicht verändert und das im Original halsbrecherische Tempo leicht gedrosselt. "Karma Chamaleon" wird nach einer Strophe und einem Refrain unterbrochen und als Reggae neu gestartet.

"Do You Really Want To Hurt Me" bekommt ein neues, jazziges Intro, und bei der großen Ballade "Victims" kommt die Stimme endgültig an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Aber das Gefühl stimmt nicht nur, es wird auch überzeugend transportiert. "Pull the strings of emotion" heißt es in dem 30 Jahre alten Text, und diese Fäden hält er nun souverän in der Hand.

So auch in zwei anderen herausragenden Nummern: der atmosphärisch dichten Version von Yoko Onos "Death Of Samantha" und "It Ain't Me, Babe" von Bob Dylan, bei dem er nur auf der Akustikgitarre begleitet wird.

"I could live, I could die, I could be reborn in your arms", heißt es im allerletzten Lied - nach all den Auf und Abs hat sich Boy George für Letzteres entschieden. Im Gloria wurde er mit offenen Armen empfangen und gefeiert. Hoffentlich bleibt er am Ball!