Diskussion im Arp-Museum

Beltracchi-Fälscherskandal - Die Illusion der Aufklärung

Remagen. Der Fall Beltracchi ist noch lange nicht ausgestanden: Es bleiben viele Fragen offen - und das System Kunstmarkt tut sich schwer, aus dem größten Kunstfälscherskandal der Nachkriegszeit in Deutschland Lehren zu ziehen. Das ist die knappe Bilanz zu einem gleichermaßen spannenden wie bizarren Abend im Arp-Museum Rolandseck, organisiert von der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Museums.

Auf dem Podium drei Schwergewichte: Die berühmte Gerichtsreporterin des "Spiegel", Gisela Friedrichsen, der ehemalige Strafverteidiger von Karl Wienand und Jörg Kachelmann und jetzt Beltracchi-Anwalt, Reinhard Birkenstock, und Niklas Maak vom Feuilleton der FAZ.

Der Prozess in Köln, der mit einem Deal mit der Kunstfälscherbande begonnen hatte und mit Verurteilungen endete (Wolfgang Beltracchi bekam sechs Jahre - im "offenen Vollzug"), sei gut gelaufen, meinten unisono Birkenstock und Friedrichsen. Zwischen beide passte übrigens kein Blatt Papier: Journalistische Distanz sieht sicherlich anders aus. In Maaks Augen lief der Prozess schlecht, weil die Chance vertan wurde, tiefer in die Mechanismen des Kunstmarktes einzudringen: "Wir waren so nah dran an der Wahrheit", klagte er.

Gisela Friedrichsen versuchte zu erklären, warum der Prozess so lief wie er gelaufen ist: "Ein Prozess ist kein Wunschkonzert für die Zuschauer, er wird auch nicht geführt, um gesellschaftliche Probleme gerade zu rücken", sagte sie, "rückhaltlose Aufklärung ist eine Illusion." Mit der Kürze des Verfahrens und der Strafe im "offenen Vollzug" könne der Steuerzahler zufrieden sein. Ein Kriterium, das Niklas Maak nicht gelten lassen will: "Ich hätte gerne einen langen, zähen Prozess gehabt - um zu wissen, wie das System funktioniert."

Birkenstock hat einen Rollenwechsel hinter sich, vom Verteidiger zum Promotor und Geldbeschaffer für das Fälscherpaar, das inzwischen private Insolvenz angemeldet hat: Seine Redezeit nutzte er fast gänzlich, um rührselige Ausschnitte aus den Erinnerungsbüchern zu lesen, die Wolfgang und Helene Beltracchi demnächst auf den Markt bringen und auf den Dokufilm hinzuweisen, den - wen wundert's - Birkenstocks Sohn Arne dreht. Der Anwalt ermöglichte es, dass man sogar in Beltracchis Wahlheimat Südfrankreich filmen durfte - zusammen mit dem Verurteilten Kunstfälscher.

Während hier die Verwertungsmaschinerie also auf hohen Touren läuft, hakt es bei der Problemlösung im Kunstmarkt. Der müsse, so Maak, Regularien schaffen, die es Kunstfälschern schwer machen, ihre Ware in den Markt zu schleusen. Es werden alle zwei Jahre wieder Bilder von Beltracchi auftauchen, prophezeit er, und neue Fälscher werden kommen. Maak verweist auf einen neueren Fall in USA, wo Pollock- und Rothko-Kopien über die renommierte Knoedler Gallery auf den Markt kamen. Der Kunstkritiker ist sich aber sicher: Auf lange Sicht werde sich etwas tun - wenn die Kunden Druck machen.