Nigel Kennedy in Köln

Beethovens Konzert mit Jazz-Kadenz

30.12.2013 Wer ein Konzert des Geigers Nigel Kennedy besucht, kommt vermutlich weniger wegen Beethovens Violinkonzert, das zum Jahresausklang unter Mitwirkung der Kammerphilharmonie St. Petersburg in der Philharmonie erklang, als vielmehr wegen der Überraschungen, die man erwarten darf.

Das Kölner Publikum jedenfalls nutzte im ausverkauften Haus schon im Vorfeld jede Gelegenheit zum Klatschen, etwa nach den Sätzen der "Schottischen Sinfonie" von Mendelssohn (Nr. 3 a-Moll op. 56), wohl wissend, dass Maestro Kennedy derlei Gebaren besonders schätzt. Bei ihm nämlich ist das nicht nur erlaubt, sondern erwünscht: Er selbst facht nach dem ersten Satz des Beethoven-Konzerts mit Victory-Zeichen und dem "coolen" Faustkontakt zum russischen Dirigenten Juri Gilbo den Beifall ausdrücklich an!

Kennedys Outfit indes (die Punk-Frisur, die ausgefranste, schwarze Kunststoffjacke und die zitronengelben Jogging-Schuhe) ist keine Überraschung mehr. Er tanzt zwischendurch auf der Bühne herum, stampft beharrlich (und oft störend) aufs Parkett. Fast wie ein Clown, der seine Traurigkeit abzuschütteln sucht. Am Ende, als der Abend mit dem bereitwillig assistierenden Orchester längst in süffiges "Czárdas-Geschrammel" und eine gefällige "American Dream"-Sülze gemündet ist, folgt ein Taumel der Begeisterung.

Und Beethoven? Er fegte im ersten Satz in übereiltem Tempo unerfüllt dahin. Kennedy bürstet ihn oft mit unsensiblem Bogendruck konsequent gegen den Strich, da bleibt von der Süße des Seitenthemas, von der Lyrik des sehnsüchtigen Komponisten kaum etwas übrig.

Die Kadenz indes entwickelt sich zusammen mit Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug zu einer virtuosen Jazzrock-Nummer, hier blüht Kennedy schließlich nach allen Regeln der Kunst auf. Um dies zu demonstrieren, wäre freilich Beethoven, zu dem der Geiger mit sanften Trillerketten nach etwa zehn Minuten wieder verblüffend zurückfindet, nicht unbedingt erforderlich gewesen. (Volker Fries)