Das Leid mit der Kleidung

Ausstellung über das System der weltweiten Textilindustrie in Köln

Inmitten von Stoffbergen: Textilarbeiterinnen auf Tim Mitchells Foto „Clothing Recycled“ .

Inmitten von Stoffbergen: Textilarbeiterinnen auf Tim Mitchells Foto „Clothing Recycled“ .

Köln. Das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum zeigt eine imposante Schau zu den „Schattenseiten der Mode“.

Jedes Kleid tut jemandem Leid“, heißt es in einer Installation der Internationalen Friedensschule Köln. Letztere beteiligt sich an der facettenreichen Schau „Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode“ im Rautenstrauch-Joest-Museum (RJM). Dessen Direktor Klaus Schneider nennt das System der weltweiten Textilindustrie „verstörend“, was die Ausstellung im glänzend orchestrierten Spiel aller Präsentationsmedien belegt. Da gibt es erschütternde Fotos vom Einsturz der Textilfabrik in Dhaka, Bangladesh, bei dem 2013 mehr als 1100 Arbeiterinnen und Arbeiter starben.

Man sieht rosa schäumendes Abwasser der Kleidungsproduktion oder Flüsse, die nur deshalb so blau glänzen, weil sie von der Jeansproduktion in China vergiftet sind. 90 Prozent aller Textilien werden in Asien gefertigt, oft in gefängnisartigen Fabriken und zu Hungerlöhnen, die höchstens zwei Prozent der ohnehin obszön niedrigen Produktpreise betragen. Krankenversicherung, Schutz vor Chemikalien – Fehlanzeige. Dafür aber sind die Arbeiterinnen oft sexueller Drangsalierung durch ihre Chefs ausgesetzt.

Dass die Modehausketten auf immer kürzere Trendzyklen dringen, beschleunigt zugleich den Altkleiderkreislauf. Dessen Abstrusität zeigt Fotokünstler Paolo Woods: So landen die schlechtesten der in Haiti hergestellten T-Shirts irgendwann wieder auf der Karibikinsel, wo dann ein ahnungsloser Schwarzer etwa den Spruch „I Pee In Pools“ (Ich pinkle in Schwimmbecken) spazieren führt.

Manche der bitteren Fakten werden groß an die Wand geworfen: Etwa dass in Deutschland eine Milliarde ungetragene Kleidungsstücke in den Schränken hängen, oder dass ein Kilo Chemikalien auf ein Kilo Textilien kommt. Daneben gibt es zu fast jedem Aspekt des Themas – von Selbstdarstellung durch Mode bis zum Konsumrausch – vertiefende Details.

Vor dem Schockvideo der Tierquälerei bei der Schafschur in den USA und Australien wird zu Recht gewarnt, während viele Künstler mit subversiver Ironie arbeiten: Helena Waldmanns Gilm lässt Tänzerinnen aus Bangladesch mit ratternden Nähmaschinen um die Wette wirbeln, Fotografin Susanne A. Friedel bestückt eine Litfaßsäule mit typischen Fast-Fashion-Modellen, denen die Leidensgeschichten der Arbeiterinnen in den Mund gelegt werden.

Wegwerfwahn und Nachhaltigkeit

Ist dieser kritische Teil der Ausstellung eine luftig inszenierte Übernahme aus dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, so ergänzten die Kölner Kuratoren Oliver Lueb und Annabelle Springer das Ganze um ein erfreulicheres „Slow Fashion“-Kapitel.

Statt Wegwerfmode sieht man handgemachte Batik aus Indonesien (seit 2009 immaterielles Weltkulturerbe) oder die enorm aufwendige Ikat-Färbekunst aus Indonesien. Manche uralte Technik macht Karriere: Die Netztaschen aus Neuguinea etwa wuchsen zu Schlauchkleidern und schafften es auf New Yorker Laufstege, und auch die japanische Boro-Tradition der zusammengenähten Textilfetzen wird heute gern von Designern aufgegriffen.

Die in London lebende und eigens nach Köln gereiste Modeschöpferin José Hendo macht Rindenbast-Kleidung aus Afrika zur Attraktion, lässt in Uganda Feigenbäume pflanzen und Jugendliche in der Bastgewinnung ausbilden. Einige dieser nachhaltigen Produkte kann man im Museumsshop kaufen.

Und jeder, der sich auf diese klug kanalisierte Faktenflut dieser Ausstellung einlässt, wird Kleidung fortan mit anderen Augen sehen.

Bis 24. Februar 2019, Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr. Cäcilienstr. 29-33. Umfangreiches Begleitprogramm auch auf dem eingebauten Laufsteg. Infos: www.fastfashion-RJM-koeln.de