Offener Brief an Sascha Lobo

"Null Bock"

Wenn aus der Szenekneipe von einst eine übel beleumundete Spelunke geworden ist – ist man deshalb wirklich verpflichtet, sie trotzdem zu besuchen, nur um zwischen all den Messerstechern das Niveau zu heben?

Wenn aus der Szenekneipe von einst eine übel beleumundete Spelunke geworden ist – ist man deshalb wirklich verpflichtet, sie trotzdem zu besuchen, nur um zwischen all den Messerstechern das Niveau zu heben?

29.01.2016 Der Internet-Aktivist Sascha Lobo klagt über den „Deppenmagneten deutsches Facebook“ und wünscht sich, dass endlich auch „die zurechnungsfähigen Teile der Bevölkerung zu uns ins Netz kommen“. Der Verfasser der folgenden Zeilen hat aber keine Lust dazu.

Sehr geehrter Herr Lobo,

dankend teile ich Ihnen mit, von Ihrer Kolumne „Hilferuf an die mindestens durchschnittlich Begabten“ im digitalen Magazin Spiegel Online Kenntnis genommen zu haben. Sie beklagen darin die „Flächenidiotie in den sozialen Medien“, Sie sprechen vom „Deppenmagneten deutsches Facebook“ und konstatieren: „Könnte man Unfug in Energie verwandeln, mit einem deutschen Tagwerk auf Facebook ließe sich Grönland eisfrei fönen.“ Sie als Internet-Aktivist der (fast) ersten Stunde müssen es wissen.

Ich staune. Die Zeit scheint gekommen, in der unangenehme Wahrheiten nicht nur gefühlt, sondern sogar ausgesprochen werden dürfen. Auf Abgaswertzahlen von Autokonzernen ist kein Verlass. Im Leistungssport wird betrogen, was das Zeug hält. Migranten sind nicht per definitionem die besseren Menschen. Und, tatsächlich: „Was sich an Schwachsinn in die sozialen Medien ergießt, ist nicht mehr auszuhalten.“

Die Pöbeleien! Der Hass! Fremdenfeindlichkeit! Verschwörungstheorien! Der Mangel an Stringenz in dem, was dort „Diskussion“, und an Höflichkeit in dem, was dort „Gespräch“ heißt! Sie folgern, sehr geehrter Herr Lobo: „Mindestens durchschnittlich Begabte, kommt zu uns ins Netz! Lasst uns nicht allein mit den stumpfen Horden. Kommt!“

So sehr mich Ihre flehentliche Bitte rührt: Ich muss zu meinem Bedauern mitteilen, dass ich Ihrer Aufforderung nicht nachkommen werde. Zum einen, weil ich leider Ihre Meinung nicht teile, Begabung bewahre einen Menschen davor, Unsinn zu verzapfen. Ich nenne Ihren (von mir gemeinhin durchaus geschätzten) Mitkolumnisten Jakob Augstein. Sohn Martin Walsers; Abitur; Politikstudium in Paris.

Selbst Dichter und Denker können sich an blutigen Spektakeln begeistern

Drei Wochen ist es her, da verfasste dieser kluge Mann einen Text über das, was wir uns „Die Ereignisse von Köln“ zu nennen angewöhnt haben – einen Text, der zum Dümmsten zählt, was mir in vier Jahrzehnten der Lesebefähigung unter die Augen gekommen ist (Beispiel: „Cem Özdemir nannte das, was sich abgespielt hatte, »grässlich«. Als seien Frauen verspeist, nicht beraubt und bedrängt worden“).

Lieber als an Jakob Augstein denke ich aber an Norman Mailer, Ernest Hemingway, Rainer Maria Rilke, Ernst Jünger. Selbst Dichter und Denker können sich am Boxring oder in der Stierkampfarena an blutigen Spektakeln begeistern, säbelrasselnde Kriegshymnen schreiben, die Poesie des Schlachtfelds preisen. Wer sich unter sein Niveau begibt, kommt nicht um, sondern passt sich an. Nicht die Bildung der Teilnehmer zählt, sondern der Ruf des Ortes, seine Stimmung, der spiritus loci. Und der spiritus loci der „sozialen“ Netzwerke, Sie schreiben es selbst, scheint leider die Gewalt zu sein.

Die glitzernde Szenekneipe „Facebook“, einst als neueste Mitmach-Verpflichtung in den Himmel gelobt, hat sich zur übel beleumundeten Spelunke „Zur Fahndungskartei“ entwickelt, gefüllt mit streitsuchenden Gestalten, wo in unschöner Regelmäßigkeit Messerstechereien ausbrechen. Ließen die sich wirklich beenden, indem man einen Intellektuellenzirkel hineinschickt? Um Sie, Herr Lobo, zu zitieren: „Wie soll man mit Leuten, die mit dem Wörtchen »weil« unzusammenhängenden Quark zur Pauschalbehauptung verbinden, über komplexere Themen diskutieren? Die Antwort macht mich fertig, denn sie lautet: Gar nicht. Es geht nicht.“

Wo also ist mein eigener Facebook-Account? Wo sind meine kritischen Beiträge gegen das Übermaß der Dummheit? Meine mindestens durchschnittlich begabten Entgegnungen auf all die Sprüche von der Lügenpresse, den Chemtrails, der Merkel-Diktatur oder der Klima-Verschwörung? Noch eine unangenehme Wahrheit: Meine Antwort lautet „Null Bock“.

Ich betrete doch keine Spelunke, nur damit dort das Niveau steigt

Der Pulitzer-Preisträger Gene Weingarten spottete einst sinngemäß über all die Pöbler auf den Nachrichtenportalen: „Sie lesen eine Geschichte über Usbekistan und »kommentieren« anschließend: BARACK OBAMA IST EIN LÜGNERISCHES STÜCK SCHEISSE. Es ist, als bestelle man ein Steak und bekomme dazu einen Beilagenteller voll Maden.“ Mein Bedürfnis nach derartigen Erlebnissen hält sich in Grenzen; schon auf ein einziges Mal kann ich gut verzichten.

Wenn ich eine üble Kaschemme nicht betreten will, muss ich mich nicht rechtfertigen. So sehr es mich ehrt, dass Sie denken, Schreibmaschinenmenschen wie ich könnten in der smarten Welt der Flachbildschirme noch irgendwas zum Besseren wenden: Ich glaube nicht, dass sich Fusel in einen edlen Tropfen verwandeln lässt – egal, was man dazuschüttet. Ich betrete doch keine Spelunke, nur damit dort das Niveau steigt.

Ich warte lieber, bis eine nettere Kneipe aufmacht.

Mit großem Interesse habe ich zudem bemerkt, dass am Ende Ihres Textes der zusammenfassende Absatz „tl;dr“ fehlt, mit dem Sie seit Juli 2011 Ihre Kolumnen zu beenden pflegen. „Too long; didn't read“ – das soll heißen: Für Ungeduldige geht's auch kürzer. Oder, wie Sie 2011 ausführten: „An vielen Stellen der digitalen Sphäre wirkt Ungeduld dezidiert positiv [...] Wer im Internet immer brav wartet [...], wird digital zurückfallen.“ Vielleicht erleben wir just die Folgen dieser Ungeduld – viele Facebook-Bürger brüllen lieber rasch drauflos, als gründlich nachdenken zu müssen.

Der letzte Schrei von heute jedoch ist die tote Stille von morgen. Vielleicht erfindet jemand wie Sie ja bald ein Sozial-medium 4.0. Mit Zugangskontrolle auf „mindestens durchschnittliche Begabung“. Mit Eingangstest auf Allgemeinwissen und Rechtschreibung. Mit festangestellten Moderatoren, die alle Beiträge auf Relevanz und Diskussionskultur prüfen. Mit Pflicht zur Kürze aller Beiträge, damit die Moderatoren das schaffen. Falls Sie in dieser Richtung eines Tages selbst tätig zu werden gedenken, sähe ich einem solchen Vorhaben mit Interesse entgegen.

Bis dahin möchte ich Sie bitten, von weiteren ähnlich gearteten Anfragen abzusehen. Ich werde Ihr Schaffen auch künftig mit großem Wohlwollen verfolgen und verbleibe

mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Pichler

tl;dr
Intelligenz-Zustrom nach Facebook gegen all die Pöbelei? Nö! Welcher intelligente Mensch will ernsthaft mit Pöblern diskutieren? (Wolfgang Pichler)