Buchtipp

"Flokati oder Mein Sommer mit Schmidt"

Symbolbild.

Symbolbild.

Bonn. Herbst 1974: Der zwölfjährige Paul lebt mit seinen Eltern und der älteren Schwester in Frankfurt am Main. Vormittags versteckt er sich im Heizungskeller des Wohnhauses, wo er seiner Lehrerin Frau Ludwig schreibt. In den Briefen erklärt er, weshalb er nach den Sommerferien nicht wieder zur Schule geht.

Paul fühlt sich verantwortlich für den Tod seiner Nachbarin Frau Schellack. Überhaupt ist im vergangenen Sommer viel passiert: Frau Schellack hat ihre Handtasche verloren, Pauls Eltern stritten immer öfter und die Bundesrepublik ist Fußball-Weltmeister.

Mit den Wörtern Flokati und Schmidt nennt Schult bereits im Titel seines Erstlings zwei Motive der 70er Jahre, die im Leben von Pauls Familie eine große Rolle spielen. Nach dem Sommer scheint es der Teppich gewesen zu sein, mit dem der Streit zwischen den Eltern seinen Anfang nahm. Der zweite Teil des Titels spielt nicht auf Helmut Schmidt an, der 1974 Bundeskanzler wurde. Es ist Arno Schmidts Buch „Zettels Traum“, das Pauls Vater erbt und zu lesen versucht.

Die Zeit ist die ganze Handlung hindurch sehr präsent: Pauls Schwester ist in David Cassidy verliebt und mit seinem Contergan-geschädigten Freund Boris liest er Comics. Die Atmosphäre verstärken die Namen der einzelnen Kapitel, die nach den jeweiligen Spielen der bundesdeutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM benannt sind.

Dort erzählt Paul, was genau in den Sommerferien und kurz davor passiert ist. Diese Rückschau wird immer wieder von seinen Briefen an Frau Ludwig unterbrochen – fast hätte man schon vergessen, dass der Junge im Keller sitzt. Wie er sich dabei fühlt und was er dort tut, das erfährt man nur aus dem, was er seiner Lehrerin berichtet.

In den Briefen, die er in ein Schulheft schreibt, schweift Paul ab, erzählt Anekdoten und berichtet, warum er denkt, am Tod Frau Schellacks schuld zu sein.

Die Antwort auf diese eine Frage ist es, die anfangs zum Weiterlesen ermuntert. Rasch tun sich allerdings weitere Nebenhandlungen auf, die alleine schon spannend sind und sich am Ende zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Manches jedoch erfährt der Leser nie genau – beispielsweise, wohin Pauls Mutter regelmäßig mit dem RAF-Sympathisanten Bruder Kolja fährt.

Pauls Geschichte ist mehr als die Geschichte eines Zwölfjährigen und seiner Schuldgefühle. Es sind auch die Einsichten des Jungen, die einen beim Lesen schmunzeln lassen. Paul stolpert über Arno Schmidts Satz „'ch lüg so oft; um 26 Ekkn rum“ und findet am Ende eine Bedeutung für sich: „Ein Würfel kann es nicht sein, der hat nur acht Ecken. Aber das Alphabet hat 26 Buchstaben. Jedes Wort, jede Lüge besteht (daraus). Und deswegen hat er Ekkn falsch geschrieben. Irgendwann weiß man halt nicht mehr, was richtig ist und was falsch.“

Martin Schult: Flokati oder Mein Sommer mit Schmidt. Ullstein, 208 Seiten, 20 Euro