Ennio Morricone im Interview

Der Film im Kopf

Der italienische Komponist hat die Musik zu mehr als 500 Film- und Fernsehproduktionen geschrieben und wurde 2007 mit einem Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Nun ist der Soundtrack zu Quentin Tarantinos "The Hateful Eight" für einen weiteren Academy Award nominiert.

Seit 40 Jahren hatte Ennio Morricone (87), dessen Musik für Sergio Leones Filmklassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“ eine der berühmtesten aller Zeiten ist, nicht mehr für einen Western komponiert. Bis Quentin Tarantino kam und den Maestro um den Soundtrack für seinen neuen Film „The Hateful Eight“ bat. Und Morricone lieferte. Nun empfängt der mittlerweile 87 Jahre alte, auf den Beinen etwas wacklige, aber in den Augen hellwache Morricone im Londoner „The Landmark“-Hotel zum Gespräch. Die Dolmetscherin hat mächtig zu tun, denn der Altmeister antwortet gern ausführlich. Auf dem Sofa hinter ihm nimmt während des Interviews derweil eine ältere Dame Platz. Es ist Ennio Morricones Ehefrau Maria. Die beiden kennen sich seit 1950, in diesem Jahr feiern sie ihren sechzigsten Hochzeitstag. Nach dem halbstündigen Gespräch nehmen sich die beiden alten Leute in den Arm, unterhalten sich kurz und lächeln sich an – eine wirklich sehr sehr rührende Szene.

Maestro, was hat Sie an dem „The Hateful Eight“-Soundtrack gereizt?
Ennio Morricone: Für mich ist dieser Film kein Western, sondern viel mehr ein Abenteuer, ein historisches Drama, das in den USA spielt. Mit sehr interessanten Bösewichten. Vielleicht die schlimmsten Bösewichte der Kinogeschichte. Das war sehr interessant für mich. Die Musik, die ich komponiert habe, ist jedenfalls keine Westernmusik.

Mögen Sie im Film generell die Bösewichte lieber als die Guten?
Morricone: In normalen Filmen mag ich die Bösen überhaupt nicht gern. Ich ziehe die Guten vor. Aber in diesem Film sind die Bösen so interessant, dass ich sie mag. Sie spielen eine relevante Rolle.

Sind Ihnen die Gewaltszenen in Tarantinos Filmen manchmal zu heftig?
Morricone: Einige Szenen in Tarantino-Filmen sind extrem gewalttätig. Das hat mich manchmal schockiert. Aber dann habe ich noch mal nachgedacht. Ich glaube, Tarantino verwendet diese sehr gewalttätigen Szenen, um ein Statement zu machen: für die Schwachen, die Unterlegenen, die Minderheiten. Diesen Horror, diese Gewalt zu zeigen ist ein menschlicher Akt. Tarantino will unsere Aufmerksamkeit auf die Opfer lenken.

Was war ihnen beim Komponieren der Musik für „Hateful Eight“ besonders wichtig?
Morricone: Ich war sehr glücklich darüber, mit Quentin Tarantino zu arbeiten. Und ich wollte für diesen Film etwas völlig anderes schreiben. In der Vergangenheit hat Tarantino verschiedene Stücke verwendet. Die Musik war sehr gut, aber ihr fehlte die Kontinuität. Diesmal gibt es einen einzigen Soundtrack, den ich komplett geschrieben habe.

Tarantino hat Sie gebeten, den „Django Unchained“-Soundtrack zu komponieren. Warum haben Sie ihm nur ein Stück zur Verfügung gestellt?
Morricone: Ich erinnere mich nicht daran, dass mich Tarantino gebeten hätte, den Soundtrack für diesen Film zu komponieren. Er bat mich, den Soundtrack für „Inglorious Basterds“ zu schreiben, ich lehnte ab. Bei „Django Unchained“ wurde ich nur um ein einzelnes Stück gebeten. Bei „Inglorious Basterds“ gab mir Tarantino zu wenig Zeit. Mir blieben nur zwei Monate, das war mir zu kurz.

Sie haben aber daraufhin gesagt, dass Sie nie wieder mit Tarantino arbeiten wollten.
Morricone (lebhaft): Das ist ein großes Missverständnis. Jeder fragt danach. Ich habe das nie gesagt. Und auch Tarantinos Filme nie kritisiert. Oder die Art, wie er seine Musik verwendet. Manchmal geht es bei dem Gesagten nur um winzige Nuancen. Die werden dann verkürzt wiedergegeben. Nach dem Motto: Morricone will nicht mehr mit Tarantino arbeiten. Aber das stimmt nicht. Es tut mir leid, dass es zu diesem Missverständnis kam. Tarantino ist mir sehr wichtig.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Tarantino beschreiben?
Morricone: Ich kann nicht sagen, dass wir Freunde sind, weil wir uns erst kürzlich persönlich getroffen haben. Er ist ein sehr netter, liebenswerter Typ. Er hat mir völlig vertraut. Er hat sich so über die Musik gefreut, die ich komponiert habe. Er hat gesagt, er würde sich freuen, wenn ich die Musik für seinen nächsten Film komponieren würde. Ich denke, ich werde das tun.

Sie sind 87 Jahre alt und arbeiten immer noch viel. Sind Sie ein Workaholic?
Morricone: Nicht unbedingt. Ich arbeite viel, das ist wahr. Mein Job hilft mir, Fortschritte zu machen. Das ist ein stetiger Prozess in meinem Kopf. Dass ich so viel arbeite, hilft mir, mir diese Frage zu stellen und mich zu kritisieren.

Sie machen es sich ganz schön schwer, nicht wahr?
Morricone: Ich kann nicht anders. Meine Karriere basiert auf Selbstkritik. Auf sehr strenger Selbstkritik.

Wird die beste Musik noch kommen?
Morricone: Nein. Vielleicht habe ich im Laufe meiner Karriere versucht, verständlicher zu werden. Das führte zu einer größeren Einfachheit, könnte aber auch negativ sein, weil die technische Qualität womöglich darunter gelitten hat. Darum denke ich so viel nach. Ich frage mich immer, warum ich Musik schreibe. Ich will verstanden werden. Ich muss Kompromisse machen; ein stetiger Prozess. Manchmal wird man von dem belohnt, was man geschrieben hat. Ich bin voller Unsicherheit, habe viele Zweifel. Ich versuche immer, mein Bestes zu geben. Aber das Endergebnis und der Erfolg eines Stücks hängen davon ab, wie sie im Film verwendet werden.

Sie haben einen Oscar für Ihr Lebenswerk bekommen. Wünschen Sie sich noch einen?
Morricone: Die Auszeichnung für mein Lebenswerk ist wichtiger als ein Oscar für einen einzelnen Film. Sie würdigt meine gesamte Karriere als Komponist.

Werden Sie so lange weiterarbeiten, wie Sie leben und gesund sind?
Morricone: Ach, ich arbeite doch schon viel, viel weniger als früher! Früher mochte ich die Arbeit viel mehr als heute. Nur: Heute mag ich sie eben immer noch, deshalb möchte ich auch keinesfalls darauf verzichten

Seit einigen Jahren sind Sie sehr emsig auf ihren Konzerttourneen unterwegs?
Morricone: Musik zu spielen und unmittelbar die Reaktion des Publikums zu bekommen und zu spüren, das ist ein wunderbares Erlebnis. Ich kann wirklich sagen, dass es mich tief befriedigt und beglückt, das Orchester zu leiten und mit den Musikern mein Werk aufzuführen. Auch in Zukunft will ich lieber mehr live spielen und weniger im Studio komponieren.

Haben Sie auch Hobbys, die nichts mit Musik zu tun haben?
Morricone (lacht): Nun ja. Meine Freizeit verbringe ich am liebsten mit dem Komponieren meiner Absoluten Musik: zeitgemäße, experimentelle Musik, die ich schon seit Jahren schreibe.

Bereuen Sie irgendetwas, wenn Sie mal auf die bisherigen 87 Jahre zurückblicken?
Morricone: Ich bin alles in allem sehr glücklich. Ich habe eine große Familie, ich schreibe Musik und ich lebe in einem wundervollen Haus. Bereuen tue ich nur zwei Dinge: Dass ich kein Englisch spreche. Und dass ich null, – und ich meine wirklich null – Ahnung von Computern habe.