ARD-Tatort

Das alles ändert sich beim Tatort

Bonn. Die Tatort-Landschaft ist in Bewegung: Die wichtigsten Abgänge und Wechsel des Jahres. Mit Sibel Kekilli und Andreas Hoppe verlassen zwei Sympathieträger die beliebte Krimiserie.

Schockmoment im Kieler ARD-Tatort, der diesen Sonntag läuft: Bei einer Geiselnahme bricht die von Sibel Kekilli gespielte Sarah Brandt zusammen. Ein epileptischer Anfall, es sieht sehr böse aus. Selbst Tatort-Kenner schrecken hoch, wissen aber, dass das nicht das Ende sein kann, sein darf. Zwar hat die kluge Ermittlerin nach sieben Jahren im Kieler Kommissariat ihren Ausstieg angekündigt, und gerade haben die ersten Dreharbeiten ohne sie begonnen – Borowski (Axel Milberg) ermittelt solo –, doch richtig Schluss ist erst am 21. Mai mit „Borowski und das Fest des Nordens“ nach Henning Mankell. Ein echtes Fest wird das nicht, man wird die so zarte wie energische, den Brummbären Borowski ein Lächeln ins Knautschgesicht zaubernde Brandt heftigst vermissen.

Und man darf gespannt sein, wie ihr Ausstieg – sie will sich „verändern“ – inszeniert wird. Wieder ein, diesmal tödlicher, Anfall? Ein Schusswechsel? Eine schnöde Versetzung? Tatort-Drehbuchautoren haben in nächster Zeit einiges zu tun, um scheidende Schauspieler aus der beliebten Krimiserie herauszuschreiben. Nach Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel), die mit ihren öden Bodensee-Tatort abgesoffen sind, danken auch die Mutti unter den Kommissarinnen, Inga Lürsen (Sabine Postel), seit 1997 im Dienst, und ihr Mitarbeiter Stedefreund (Oliver Mommsen), seit 2001 tätig, ab. Das Finale dieser beiden exzellenten Schauspieler kommt 2019 ins Fernsehen. Wie es in Bremen weitergeht, ist unklar.

Eine Nervensäge folgt auf den Kumpeltyp Kopper

Die zweite Trennung nach Borowski/Brandt trifft das Kommissariat in Ludwigshafen – und wieder einen Sympathieträger: Der langmähnige, ultracoole Halbitaliener Mario Kopper (Andreas Hoppe) verlässt die dienstälteste TV-Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) nach 21 gemeinsamen Jahren. Auch das ein Verlust. Schöne Pointe am Rande: Auf den knuddeligen Kumpeltyp folgt eine Odenthal-Partnerin, die im Ludwigshafener Kommissariat schon eingeführte, attraktive, jedoch mit reichlich Nervpotenzial ausgestattete LKA-Ermittlerin Johanna Stern (Lisa Bitter), Lenas Hassfigur.

Kopper ist nicht der letzte Verlust auf der Tatort-Landkarte. Das Dortmunder Team etwa verliert Daniel Kossik (Stefan Konarske), den unglücklichen Lover von Nora Dalay (Aylin Tezel). Nachfolger nicht in Sicht. Glaubt man Presseberichten, so ist die toughe, aber phasenweise arg verpeilte Nina Rubin (Meret Becker) auf dem Absprung vom Berliner Tatort. Felix Murot (Ulrich Tukur), Garant für abgedrehte, blutrünstige Krimikost mit hoher Opferzahl, lässt immer wieder durchblicken, dass er Tatort-müde ist. 2017 ist laut „Bildzeitung“ kein Einsatz vorgesehen.

Große Fragezeichen stehen hinter Til Schweigers Nick Tschiller, dessen letzter Tatort im Kino Premiere hatte. Auch er ist 2017 nicht vorgesehen. Fraglich ebenfalls, ob Heike Makatsch, die in einem Special als Freiburger Kommissarin eine exzellente Figur machte (aber mit einer Quote von 7,99 Millionen Zuschauern durchfiel) noch einmal die Waffe in die Hand nimmt. Rar macht sich Maria Furtwängler (Charlotte Lindholm), die derzeit ihre Liebe zum Theaterspielen entdeckt hat. Sie wolle den Tatort nicht mehr ewig machen, aber auch nicht morgen aufhören, vertraute sie Medien an. Nimmt man Harald Schmidts wohl der geringen Gage (50 000 Euro) geschuldeten urplötzlichen Ausstieg aus dem Schwarzwald-Kommissariat hinzu, ist personell einiges los beim Tatort – wie auch bei der Schwester Polizeiruf 110, die Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) verliert, nach Sylvester Groth der zweite prominente Abgang.

Mundart-Tatort „Babbeldasch“ geht in die zweite Runde

Doch deswegen gleich von „Ermittler-Flucht“ zu sprechen, wie die „Bildzeitung“ das unter dem Titel „Tatort angeschossen“ tut und den Quoten-Rückgang an die Wand zu malen (2016 im Schnitt: 9,02 Millionen, 2017 bislang im Schnitt: 9,00 Millionen!), ist übertrieben. Steckt doch im Wechsel – mögen die Verluste auch empfindlich sein – auch eine Chance. Es muss ja nicht gleich so experimentell zugehen wie im saarländischen Improvisations- und Mundart-Tatort „Babbeldasch“. Der lag zwar mit 6,34 Millionen Zuschauern deutlich unter dem Schnitt, was aber den SWR nicht aus der Ruhe bringt: Der Sender plant einen weiteren Impro-Krimi, der 2019 gesendet werden soll. Allerdings mit professionellen Schauspielern.

Um eine Relation herzustellen: „Babbeldasch“ brachte etwas weniger Resonanz als der letzte TV-Krimi des Nuschelmachos Schweiger, dessen Einsätze aber ein Vielfaches kosten. Während die 43 bis 48 pro Jahr gedrehten Tatortfolgen jeweils rund 1,5 Millionen Euro kosten, lag etwa „Der große Schmerz“ mit Schweiger und dem Schlagerstar Helene Fischer bei 2,1 Millionen Euro. Der Rechnungshof ermittelt.