Neue Alben von alten Meistern

Auf der Höhe der Zeit

Die Musiker haben ihr Handwerk nicht verlernt. Das zeigen die neuen Alben von Garland Jeffreys, Ray Davies und Procol Harum.

Der demografische Faktor ist, was die Popmusik anbetrifft, ein Glücksfall. Die Künstler werden immer älter – und in vielen Fällen immer besser. Der Amerikaner Garland Jeffreys, 73, verschwendet deshalb keinen Gedanken an den Ruhestand. Vor fünf Jahren hat er festgestellt: „Manche Leute sagen: Du bist mit deinen 68 Jahren doch auch schon ziemlich alt, aber ich bin einfach nicht bereit, jetzt aufzuhören. Ich werde weitermachen, bis ich nicht mehr stehen kann. Dann setze ich mich eben auf die Bühne.“

Dieser Moment lässt weiter auf sich warten. Jeffreys, der mit seinem einzigen Hit „Matador“ 1980 weltberühmt wurde, machte mit vier Kollegen 2012 in der Harmonie Musik wie die Rolling Stones zu ihren Glanzzeiten: wild, pulsierend, manchmal regelrecht hypnotisierend. Danach signierte er gut gelaunt sein Album „The King Of In Between“.

Jetzt ist der Nachfolger erschienen: „14 Steps To Harlem“. Das erste Stück, „When You Call My Name“, lebt von einem ermüdenden Refrain (eben „When you call my name“). Das nährt Zweifel und Skepsis, die auch Song Nummer zwei, „Schoolyard Blues“, nicht ausräumen kann: ein konventioneller Blues, mehr nicht.

Doch Garland Jeffreys versteht etwas von Dramaturgie und Spannungsaufbau. Das Titelstück, Song Nummer drei auf dem Album, ist eine autobiografisch grundierte Miniatur aus einer fernen Vergangenheit, eine wunderbar lakonisch gezeichnete Skizze New Yorker Lebens.

Die reflexive Ballade „I'm A Dreamer“ setzt gospelhafte Akzente. Auch hier erzählt der Sänger eine New Yorker Geschichte. Ebenso wie in seiner Version von „Waiting For The Man“. Es ist eine Hommage an seinen alten Kumpel Lou Reed, der 2013 gestorben ist.

„Help“ von den Beatles covert Jeffreys auch, die Zeilen „When I was younger / So much younger than today“ transportieren Wehmut. Nicht überraschend. Das Album „14 Steps To Harlem“ ist ein Alterswerk. Es endet mit „Luna Park Love Theme“, einem zartbitteren, sanft ausklingenden Lovesong.

Ray Davies, der im Juni 73 wird, war der Kopf der legendären Kinks. 2013 veröffentlichte er seine Autobiografie: „Americana: The Kinks, The Road And The Perfect Riff“. Das neue Album heißt ebenfalls „Americana“ und spiegelt den Einfluss der USA auf den in London geborenen Musiker Davies. Damit hat er sich nicht nur Freunde gemacht. „Dass einer der größten Poeten des Beat im Alter nicht an einstige Großtaten anzuschließen vermag, überrascht nicht. Wenn aber Davies, unlängst zum Ritter geschlagen, den ausgelutschten Mythos USA mit austauschbarer Musik zu illustrieren versucht, muss das scheitern. Das Ergebnis schmerzt“, hat der Kritiker Andreas Müller hartherzig geurteilt.

Wer sich entspannt mit Davies' Album und dem ohnehin niemals auszulutschenden Mythos USA beschäftigt, wird von der stilistischen Vielfalt und der Spielfreude auf dem Album gleichsam fortgetragen. „Americana“ hat zauberhafte Momente. Davies Duette mit Karen Grotberg sind unwiderstehlich.

Erinnert sich noch jemand an die englische Band Procol Harum und das Jahr 1967? Damals wurde ein Song geboren, der zu einem unvergänglichen Klassiker des Pop werden sollte: „A Whiter Shade Of Pale“ mit den die Fantasie anregenden Zeilen: „We skipped the light fandango / Turned cartwheels 'cross the floor / I was feeling kinda seasick / But the crowd called out for more.“

Sänger Gary Brooker, 71, hat mit der Formation, die seit zehn Jahren besteht, ein neues Procol-Harum-Album herausgebracht. Es heißt passenderweise „Novum“. Brooker und seine Kollegen Matt Pegg, Geoff Dunn, Geoff Whitehorn und Josh Phillips liefern solide Handwerkskunst, durchaus auf der Höhe der Zeit.

Aber eine Band wie Procol Harum wird immer an ihrer großen Vergangenheit gemessen. „Sunday Morning“, die Ballade über einen Mann, dem die Arbeit die besten Tage stiehlt und der fürs freie Wochenende lebt, besitzt die Magie früherer Tage. Gary Brookers Gesang zeichnet den Gegensatz zwischen Fremdbestimmung und Selbstbestimmung, zwischen Erdulden und Erwarten gefühlvoll nach. Höhepunkt des Albums ist „The Only One“: die Konfession eines höheren Wesens (Gott?), dem die Menschheit ihre zufällige Existenz verdankt: „If it wasn't for that small mistake / None of you would be about.“ Ganz stark.

Garland Jeffreys: 14 Steps To Harlem. Luna Park Records. Ray Davies: Americana. Sony Music. Procol Harum: Novum. Eagle Records/Universal Music.