Premiere im Thalia-Kuppelsaal

Witz, Wut und Wehmut

Gefangene im Amsterdamer Hinterhaus: Mona Mucke als Anne Frank.

Gefangene im Amsterdamer Hinterhaus: Mona Mucke als Anne Frank.

Bonn. Bewegend: Der Regisseur Matthias Jochmann und die Schauspielerin Mona Mucke haben für das Junge Theater Bonn (JTB) im Kuppelsaal der Thalia-Buchhandlung im Metropol „Anne Frank – Tagebuch“ erarbeitet.

Kaum jemand hat die nie nachlassende Bedeutung Anne Franks (1929-1945) und ihres weltberühmten Tagebuchs so eindrucksvoll ausgedrückt wie der ehemalige Redakteur des US-Magazins „Time“ Roger Rosenblatt. Er schrieb 1999: „Die Leidenschaften, die das Buch entzündet, legen nahe, dass Anne Frank allen gehört, dass sie über den Holocaust, das Judentum, die Mädchenzeit und sogar die Tugend hinausgewachsen und zu einer Totemfigur der modernen Welt („a totemic figure of the modern world“) geworden ist – der moralische, individuelle Geist, der von der Maschinerie der Zerstörung gepeinigt auf das Recht pocht, für die Zukunft der Menschen zu leben, zu fragen und zu hoffen.“

Anne Frank, die 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen umkam, ist unsterblich, weil sie ein literarisches Dokument hinterlassen hat. Es fesselt wegen des Themas und wegen der schriftstellerischen Qualität. Literatur, Film, Fernsehen und Theater haben sich von dem zwischen 1942 und 1944 im Versteck der Familie Frank in Amsterdam, Prinsengracht 263, entstandenen Werk inspirieren lassen. Zuletzt kam Hans Steinbichlers Film „Das Tagebuch der Anne Frank“ ins Kino.

Matthias Jochmann (Regie und Textbearbeitung) und die Schauspielerin Mona Mucke haben für das Junge Theater Bonn (JTB) im Kuppelsaal der Thalia-Buchhandlung im Metropol „Anne Frank – Tagebuch“ erarbeitet. Es ist, nach „Malala – Mädchen mit Buch“, Mona Muckes zweites Solo für das JTB.

Die Bühne wird dominiert von einer Leinwand, die dem Theaterraum den Charakter eines Dachzimmers verleiht. Tisch, Hocker und Radio sind Requisiten sowie die im S. Fischer Verlag erschienene Gesamtausgabe der Tagebücher. Mona Mucke nimmt sie immer wieder zur Hand, liest Passagen vor. Dann wieder scheint ihre eingespielte Stimme aus dem Radio zu kommen.

Matthias Jochmanns sensible und spannungsvolle Inszenierung funktioniert auf mehreren Ebenen. „Anne Frank – Tagebuch“ ist ein von Brechungen und Projektionen begleiteter und bereicherter Monolog. Jochmann konnte dabei dank des Baseler Anne Frank Fonds auf historische Aufnahmen zurückgreifen. Im Anne Frank Haus in Amsterdam entstanden Videosequenzen für die Bonner Produktion. Worte des englischen Premierministers Winston Churchill sind auch zu hören. Die 70-minütige Inszenierung wird eingerahmt von einer schnell geschnittenen Bilderfolge: Chiffren für den systematisch betriebenen Massenmord der Nazis. Zu sehen sind Bahngleise und KZ-Architektur.

Mona Mucke nähert sich in ihrer Darstellung der realen Anne Frank an. Ungeachtet der prekären Lage erscheint sie als vital, lebenshungrig, manchmal fast euphorisch. Immer wieder begehrt sie wütend gegen ihre Situation aus. Die Gefangene in dem Amsterdamer Hinterhaus ist eine starke Persönlichkeit, eine gute Beobachterin und kluge Deuterin der weltpolitischen Verhältnisse, und das mit 13, 14 Jahren.

Mucke setzt die Zerrissenheit der Figur in Bewegung um. Sie balanciert auf einem Bein stehend, tanzt, geht zu Boden und steht gleich im nächsten Moment wieder auf. Sie erzählt Witze auf Kosten Hitlers, die Komik entlastet allerdings nur kurz, wird konterkariert von der Einsicht: „Alles geht mit dem Zug in den Tod.“ Furchtbare Visionen quälen Anne Frank, Konflikte mit der Mutter martern sie.

Das Mädchen auf der Bühne entdeckt seinen Körper und seine Sinnlichkeit, aufgeregt und ein bisschen kokett malt sie ihre Beziehung zu dem Jungen Peter aus. Als Kasperlespiel inszeniert Mona Mucke den ersten Kuss. Dann sitzt sie am Tisch und schlägt abwechselnd mit den Händen auf die Platte. Es sind Klopfzeichen der Krise.

Die extremen Stimmungsschwankungen von hochfliegend bis zu am Boden zerstört prägen die bewegende Aufführung. Wider besseres historisches Wissen – die Bewohner im Hinterhaus wurden verraten – erfüllt den Betrachter die Hoffnung, alles möge sich zum Guten wenden. Das ist Mona Muckes bei aller Intensität demütiger, Anne Frank verpflichteter Darstellung zu verdanken. Es endet, wie gesagt, mit Bildern von Bahngleisen und KZ-Architektur – und mit einem kleinen jüdischen Lied.

Die nächsten Aufführungen: 2. bis 4. Mai, 11. bis 13. Mai, 18., 19., 30. und 31. Mai. Karten: In den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.