Wenn Mutter zur Killerin wird

Werke von Vajiko Chachkhiani in der Bonner Bundeskunsthalle

Bonn. Verstörende, packende Filme und Installationen von Vajiko Chachkhiani in der Bonner Bundeskunsthalle. Der Künstler vertrat sein Land 2017 bei der Kunstbiennale in Venedig

Die Bundeskunsthalle hat einen großartigen Geschichtenerzähler im Haus: Den in Tiflis und Berlin lebenden Georgier Vajiko Chachkhiani, der sein Land 2017 bei der Kunstbiennale in Venedig vertrat. Und sie hat wundersame, verstörende Geschichten zu bieten. Wie die der Großfamilie, die im Film „Heavy Metal Honey“ plaudernd beim Essen sitzt. Die Älteren erzählen, wie die Zeit verrinnt, die Jüngeren halten sich an Computerspiele und das Smartphone. Irgendwann fängt es im Esszimmer an zu regnen, die Szene kippt ins Surreale. Aus dem harmlosen Treffen wird eine diabolische Familienaufstellung mit tödlichem Ausgang.

Die Mutter verlässt kurz den Raum, kommt mit einer Armeepistole zurück und richtet ein Familienmitglied nach dem anderen hin. Die Tochter erschlägt sie, den Sohn lässt sie als einzigen leben. In der Totalen sieht man die Folgen des blutigen, Tarantino-haften Gemetzels. Dann hört der Regen auf. Und alle sitzen – mit noch feuchten Haaren – wieder unbeschadet am Tisch. Letzte Einstellung: Man sieht den Hals der schönen Mutter, die Schlagader pulsiert. An der Wand ein beschlagener Spiegel, eine Silhouette, die nach und nach konkreter wird und den verschonten Sohn erscheinen lässt. Nach 15 Minuten ist diese gefühlvolle Familienidylle mit dem Splatter-Mittelteil vorbei. Die exzellent gefilmten Bilder wirken stark, aktivieren die Fantasie.

Erinnerungen sind trügerisch, Erzählungen doppelbödig

Chachkhiani ist ein Mann, der in seinen Filmen und Installationen Poesie und deutliche Bildsprache meisterhaft zusammenbringt, dabei ein tolles Gefühl für Timing an den Tag legt. Aber er schränkt seine Erzählerrolle ein: Erinnerungen sind trügerisch, Erzählungen doppelbödig, auf die reine Wahrnehmung kann man sich nicht verlassen. Noch vor der Ostgalerie in der Bundeskunsthalle steht ein malträtierter Orpheus für das Misstrauen gegenüber Mythen und Göttergeschichten.

Und dem Brauch einer Erinnerungskultur, die auf materielle Denkmäler setzt, wird im exzellenten Kurzfilm „Winter which was not here“ die sinnhafte Grundlage entzogen. Da wird das Denkmal eines Unbekannten aus dem Meer gefischt. Ein Mann hängt die Betonstatue mit dem Gesicht zum Boden an seinen Pickup, fährt dann mit seinem riesigen Pitbull Neo so lange durch die georgische Steppe, bis das Standbild abgeschliffen und völlig aufgerieben ist. Die Atmosphäre ist tiefenentspannt, die Interaktion zwischen dem Fahrer und Neo freundlich und minimalistisch, im Radio dudelt ein Lied von Hamlet Gonashvili, der bis zu seinem Tod 1985 als „the voice of Georgia“ verehrt wurde.

Chachkhianis Film funktioniert wie ein beschaulicher, stimmungsvoller Road-Movie. Dabei ist das Thema des Denkmalsturzes, insbesondere in Diktaturen, präsent – wo dieser Akt der Befreiung vom verhassten Despoten in der Regel äußerst gewaltsam über die Bühne geht. Chachkhiani ist da eher ein Vertreter der friedlichen Revolution.

Tragödie im Zoo von Tiflis

Beide Videos werden in der Ostgalerie von einer Art begehbarem Filmset verbunden: Rostige Gitterstäbe ragen empor, auf dem Boden liegt Treibgut, ein abgeschlagener Betonkopf, angeschwemmte Büsche, in denen sich Tiere und Figuren eines Karussells verfangen haben. Diese wenigen Hinweise in der Installation „Secret that mountain kept“ evozieren Kindheitserinnerungen, in erster Linie aber deuten sie bereits auf eine Tragödie. Vor fast genau drei Jahren wurde der Zoo von Tiflis überschwemmt, Tiere brachen aus, darunter ein weißer Tiger, der einen Mann, der seelenruhig zur Arbeit ging, tötete. Der Tiger wurde erschossen, 19 Menschen und etwa die Hälfte der 600 Zootiere kamen bei der Flutkatastrophe ums Leben.

Chachkhianis Installation ist auch eine bittere Parabel über die Freiheit. Die im Zoo festgehaltenen Wildtiere sind durch die Flut unverhofft frei geworden – was viele das Leben kostete. Der Georgier bietet weitere Deutungsmöglichkeiten an, in der Installation wie im Film. In den Bewegtbildern ist er technisch und vom Erzählduktus her besonders gut und stark – es würde nicht verwundern, wenn man Chachkhiani bald mit Spielfilmen auf Festivals sähe. In der Bundeskunsthalle zeigt er überzeugende Proben.

Dass die Georgier ohnehin meisterhafte Erzähler sind, wird im Herbst unter Beweis gestellt. Da ist das Land am Schwarzen Meer Gastland der Frankfurter Buchmesse.

Bundeskunsthalle; bis 7. Oktober. Di, Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr. Katalog 14,80 Euro