„Das Schloss“ in den Kammerspielen

Warten auf eine Idee

K. vor dem Wartehäuschen: Hajo Tuschy in einer Szene aus Mirja Biels Kafka-Adaption.

K. vor dem Wartehäuschen: Hajo Tuschy in einer Szene aus Mirja Biels Kafka-Adaption.

Mirja Biel inszeniert in den Kammerspielen „Das Schloss“ nach Kafkas Roman. Warum nur? Während die Figuren sich wie auf einer überdimensionalen Spieluhr um sich selbst drehen, versinkt die Groteske in einem Meer aus Kunstschnee, der alle Ecken und Kanten verdeckt, alle Löcher, Abgründe, Tiefen.

Irritation. Ja, Irritation trifft es gut. Irritation – und Langeweile. Sehr viel mehr löst Mirja Biels Inszenierung von Franz Kafkas Romanfragment „Das Schloss“, die in den Kammerspielen als letzte Produktion der aktuellen Spielzeit Premiere hatte, leider beim Publikum nicht aus. Keine Beklemmung, keine Anspannung, noch nicht einmal ein Gefühl des drohenden Wahnsinns.

Zweieinhalb Stunden lang Leere. Und während die Figuren sich wie auf einer überdimensionalen Spieluhr um sich selbst drehen, versinkt die Groteske in einem Meer aus Kunstschnee, der alle Ecken und Kanten verdeckt, alle Löcher, Abgründe, Tiefen.

Dabei hätte das Stück so viel mehr sein können. Die offenbar durch Lars von Triers Kinofilm „Dogville“ inspirierte Schauspiel-Ästhetik, die Biel ihrer Inszenierung zugrunde legt, bietet an und für sich genug Potenzial, um sowohl die abstrusen Mühlen der Bürokratie, in die der vermeintliche Landvermesser K. in einem Dorf am Fuße eines nebulösen Schlosses gerät, als auch die zwischenmenschlichen Dimensionen um den in ein starres System eindringenden Fremden auszuloten. Wenn man diesen – oder zumindest irgendeinen – Ansatz nur konsequent verfolgen und eine klare Theatersprache finden würde. Stattdessen geschieht einmal mehr genau das, was im vergangenen Jahr so manchem Bonner das Theater verleidet hat und was eigentlich in dieser Spielzeit überwunden schien: Wahllos schöpfen Biel und ihr Ensemble aus dem Fundus, ketten eine belanglose Idee an die nächste und verlieren dabei den Kern des Stücks aus den Augen.

Warum zum Beispiel das gläserne Wartehäuschen, das das Zentrum des Geschehens bildet, ausgerechnet auf einer Drehbühne steht, ist im Verlauf der Konzeption anscheinend ebenso unter Papierbergen begraben worden wie die Bestellung eines Landvermessers in Kafkas Roman. Was soll das? Diese Frage stellt sich immer wieder. Mal tanzen Kinder mit Leuchtstäben durch die Gegend und erinnern mit ihrem Plumpssack-Gesang beinahe an „Das Dorf der Verdammten“, ohne jedoch einen entsprechend nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Dann wieder tappst ein Bär umher, nur um schließlich mit K. auf Tuchfühlung zu gehen. Warum auch immer.

In diesem „Dogville“ ohne Hunde, diesem „Schloss“ ohne Zähne zeigen sich auch die Schauspieler nicht von ihrer stärksten Seite. Birte Schrein wirkt als Wirtin vom Brückenhof so artifiziell und bemüht wie der völlig ausflippende Daniel Breitfelder als Gehilfe mit schizophrenen Anwandlungen, der mit seinen Kaspereien weder Protagonist K. noch das Publikum aufzuheitern vermag.

Robert Höller (Schwarzer), Mareike Hein (Olga) und Johanna Falckner (Frieda) haben in der Vergangenheit ebenfalls schon deutlich mehr gezeigt. Selbst Sören Wunderlich, sonst immer eine verlässliche Größe im Ensemble, bleibt als Bote Barnabas (mit Hermes-Flügeln an den Sandalen – mehr Kitsch ging wohl nicht mehr) eindimensional und farblos. Lediglich Bernd Braun, dessen bärbeißig-grummeliger Wirt vom Herrenhof zumindest etwas Kontur besitzt, und Benjamin Grüter als Ortsvorsteher Momus können sich vom insgesamt schwachen Ensemblespiel abheben.

Und Hajo Tuschy, der als K. immerhin die gesamte Handlung tragen muss? Bleibt ebenfalls seltsam undefiniert und verfällt viel zu schnell in Handlungs- und Sprechmuster, derer er sich schon in früheren Produktionen bedient hat. Der Wandel vom gnadenlosen Manipulator zum sozialen Pariah, den K. im Laufe des Stücks vollziehen muss, lässt so leider den nötigen Biss vermissen.

Mit „Das Schloss“ hat das Bonner Schauspiel alles andere als eine Glanzleistung abgeliefert. Zu viele nebulöse (statt einer klaren) Visionen wabern lieb- und leblos zweieinhalb Stunden lang im Gedankenraum der Bühne umher, ohne sich manifestieren zu können. So spendet das Publikum im nur halb vollen Saal nach einem abrupten Ende immerhin höflich Applaus. Mehr geben die Emotionen einfach nicht her.

Termine: 25. Juni, 29. Juni, 7. Juli, 9. Juli. Karten in den Bonnticket-Shos der GA-Zweigstellen.