Viel los beim Bonner Schumannfest

Von fremden Ländern und Menschen

Beredte Mimik: Nora Gombringer im Theater im Ballsaal.

Beredte Mimik: Nora Gombringer im Theater im Ballsaal.

Bonner Schumannfest: Jazz und Lyrik mit Philipp Scholz und Nora Gomringer, ein Konzert des Pianisten William Youn und ein Liedernachmittag. Schwer beliebt: Eis für Kinder.

Nora Gomringer erschafft Welten. Einfach so: ein Wort, ein Satz, ein Universum, wie aus dem Nichts. Nur mit Sprache und Stimme – und beredter Mimik – gelingt es der schweizerisch-deutschen Lyrikerin und Rezitatorin, Träume zum Leben zu erwecken, innere Bilder zu malen, intensive Gefühle hervorzurufen.

Dass Musik für dieses Kunst des Vortrags ein wunderbar geeigneter Partner ist, zeigt ihre Zusammenarbeit mit dem Jazz-Schlagzeuger Philipp Scholz. Als Duo „Wort Drum Dran“ traten die beiden Künstler beim 19. Bonner Schummannfest auf und bescherten dem Publikum im fast ausverkauften Theater im Ballsaal wie versprochen „fatalyrische Momente“. Momente, die überraschten und berührten, gut unterhielten, lange nachklangen und am Ende bei dem einen oder anderen tatsächlich dafür sorgten, „wie eine Feder aus dem Ballsaal zu schweben“, wie es Nora Gomringer zum Abschluss formulierte hatte.

Hellwach war das Publikum und blieb es denn auch von Beginn an. Gomringer, die ihre Rezitationen stets mit charmanten Moderationen und Erläuterungen verband, las zunächst aus ihrem Band „achduje“, bei dem es sich um eine Sammlung von Texten handelt, die eigens fürs Rezitieren geschrieben wurden. Das Leid der sogenannten „Schwabenkinder“ wird im feinfühligen Vortrag genauso ehrfahrbar wie die komische Verzweiflung der Ich-Erzählerin beim „Gang mit Hermelin“. Hier übernahm Scholz die explizite Funktion einer musikalischen Kommentierung nach Anweisung der Dichterin. Bei anderen Werken hielt er sich eher im Hintergrund.

Absolut in ihren Elementen waren Jazz und Lyrik bei den Lautgedichten von Ernst Jandl und der Konkreten Poesie von Eugen Gomringer. Klangfarblich subtil, rhythmisch versiert und dynamisch differenziert gab Philipp Scholz ihnen die jeweils adäquate musikalischen Resonanz. Zum 100. Geburtstag des Dadaismus kam natürlich auch Kurt Schwitters' „Unbekannte Frau“ zu Ehren.

William Youn verzaubert im Schumannhaus

Ein alter Bekannter beim Schumannfest ist der aus Südkorea stammende und in München beheimatete William Youn (Jahrgang 1982). Superbe Technik steht bei diesem Pianisten sehr diskret vollkommen im Dienst seiner empathischen Fähigkeiten, der jeweilige Emotionalität des musikalischen Textes nachzuspüren.

Ist dies denn wirklich (noch) Mozart, mochte man sich so beim a-Moll-Rondo (KV 511) fragen, dessen Charakteristika Youn in delikater Anschlagskultur mit feinen Temporückungen und sparsamem Pedalgebrauch realisiert wie eine Chopin-Nocturne. Pianistischer Feinsinn waltet auch bei der Sonate D-Dur, Mozarts letzter Klaviersonate (KV 576), deren „leichten“ Stil der Pianist in den munteren Läufen der Ecksätze nahezu schwerelos artikuliert, im Adagio mit einem nachdenklich melancholischen Unterton versieht.

Die Clara Schumann gewidmeten Variationen op. 9 von Johannes Brahms über ein Thema von Robert Schumann (aus dessen Sammlung „Bunte Blätter“ op. 99) lesen sich hier wie das geheime Tagebuch eines Liebenden. Zwei von Liszt sehr dezent „veredelte“ Lieder Claras leiteten schließlich über zur großformatigen und kontrastreich angelegten Humoreske op. 20 des Genius loci Robert Schumann, deren ausschweifenden Erzählton von Youn mit phänomenaler Gestaltungslust breit ausgekostet wurde. Die im bis auf den letzten Platz besetzten Schumannhaus stürmisch erwartete Zugabe richtete sich an einen Jubilar: Schumanns Heine-Vertonung „Du bist wie eine Blume“ für Bonns vormaligen Kulturdezernenten Ludwig Krapf.

Schumann-Eis, ein Liedernachmittag und klassische Musik

Eis, das geht immer, auch und besonders beim Schumannfest in Endenich. Da findet das eigens kreierte „Schumann-Eis“ aus roten Weintrauben regen Anklang, und das nicht nur beim Konzertpublikum. Schumann selbst übrigens verabscheute alles Süße. Die Kinder der im angrenzenden Paulusheim untergebrachten Flüchtlingsfamilien haben rasch herausgefunden, dass es in den Konzertpausen Eis gibt. Und Markus Schuck, künstlerischer Leiter des Schumannfests, lässt sich da nicht lumpen.

Eine andere, treffliche Idee war es, in Kooperation mit der Kölner Sektion von Yehudi Menuhins Initiative „Live Music Now“ die Flüchtlinge mit ihren ehrenamtlichen Betreuern zu einem Liedernachmittag einzuladen und Robert Schumann, den deutschen Romantiker, selbst „Von fremden Ländern und Menschen“ erzählen zu lassen: Ein „Experiment“, so Schuck, das für sämtliche Beteiligten eine Herausforderung darstellte. Lebendig ging's denn auch zu bei diesem von der Pianistin Eleni Anastasiadou und der kurzfristig eingesprungenen Sopranistin Nina Koufochristou vorbereiteten Programm, das neben Liedern von Franz Schubert, Robert Schumann, Hugo Wolf, Léo Delibes und Manuel de Falla auch Werke des Griechen Giannis Konstantinidis, eines Landsmanns der beiden Interpretinnen, umfasste.

Koufochristous Sopran changierte zwischen lieblich bebender Natürlichkeit und verführerischem Charme. Anastasiadou war ihr eine gefühlvolle, aber keineswegs gefühlige Begleiterin und beeindruckte solistisch mit „Von fremden Ländern und Menschen“ und „Träumerei“ aus Schumanns „Kinderszenen“ durch ihre sehr innige Lesart.