Krzysztof Pendereckis Oratorium "Kadisz" im Bonner Opernhaus

Vision vom Überleben

Anna Princeva ließ ihren energiegeladenen und glanzvollen Sopran funkeln.

Anna Princeva ließ ihren energiegeladenen und glanzvollen Sopran funkeln.

Bonn. Ich möchte leben, auch wenn meine Flügel gebrochen sind..., wie ein silberner Vogel werd? ich emporsteigen". Das schrieb der polnische Dichter Abram Cytryn im Ghetto von Lodz. Seine Hoffnung erfüllte sich nicht. Mit nur 17 Jahren fand er den Tod im Vernichtungslager Auschwitz.

Vergessen ist er nicht. Seine Gedichte und Aufzeichnungen wurden in den 1990er Jahren veröffentlicht, und Krzysztof Penderecki wählte Ausschnitte daraus für seine 2009 entstandene Komposition "Kadisz", ein Oratorium für Sopran, Sprecher, Männerchor und Orchester.

Die erwähnte Vision vom Überleben manifestiert sich darin in einer Stelle, an der der Solosopran sich triumphierend und strahlend über einem machtvollen Klanggrund erhebt. Im Opernhaus ließ am Karfreitagabend Anna Princeva, noch als "Elsa" im "Lohengrin" in bester Erinnerung, ihren energiegeladenen und glanzvollen Sopran funkeln. Überhaupt absolvierte sie die gesamte Partie mit bewundernswerter Kraft und Eindringlichkeit.

Penderecki, in den 1960ern Jungstar der Klangcollage, schon lange jedoch ein zur Retrotonalität bekehrter Hüter der Tradition, zeigt sich in "Kadisz" - das jüdische Totengebet - als souveräner Neoromantiker. Man kann das kritisieren, die Musik besitzt jedoch fraglos einen aufrüttelnden, ungemein expressiven Tonfall, erinnert an vielen Stellen an Mahler, wirkt jedoch durchaus eigenständig.

Das Beethoven Orchester (BOB) stand in diesem Karfreitagskonzert der etwas anderen Art - mal keine Passion! - unter Leitung des Polen Jurek Dybat.

Er führte das Ensemble zu einer kraftvollen und farbigen Darbietung. Den Texten von Cytryn hat Penderecki noch Auszüge aus biblischen Texten hinzugefügt. Hier traten die Männerstimmen des Philharmonischen Chores auf den Plan sowie als Sprecher der suggestiv agierende Matteo de Monti.

Und dann gab es noch Barry Mehler als Kantor - ein Ereignis. Wie der in New York geborene Sänger mit Bonner Wurzeln seine Partie darbot - ganz in der Tradition jüdischen, melismatisch ausgeschmückten Synagogalgesangs -, war zutiefst anrührend.

Zweites Werk des Abends, der um das Totengedenken kreiste und durch die Attentate auf Sri Lanka eine Aktualisierung erfuhr, die sich niemand wünschen kann: Arnold Schönbergs "Ein Überlebender aus Warschau".

Das Grauen des Warschauer Ghettos, überliefert in den Zeilen eines Zeitzeugen, eingekleidet in ein strenges, zugleich beklemmend realistisches Zwölfton-Gewand.

Den Ausführenden (wiederum Matteo Monti als Sprecher sowie die Männerstimmen des PhilChores) gelang eine bezwingende Wiedergabe. Schließlich der "Karfreitagszauber" aus Wagners "Parsifal" am Anfang des Konzerts. Erlösung ist das Thema dieser Szene (hier in der Orchesterfassung).

Das Weltgeschehen lässt allerdings Zweifel aufkommen - da hilft auch die anmutige Wiedergabe durch das BOB nicht. Schuberts Schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Licht und Dunkel, ist einem da vielleicht näher. Seine siebte Sinfonie, die "Unvollendete", stand am Schluss des Konzerts - attacca nach dem Schönberg-Stück.