Festival und Ausstellung in Bonn

Videonale-Preis geht an Film aus Neu Delhi

Atemlose Bilderflut: Szene aus Sohrab Huras Beitrag.

Atemlose Bilderflut: Szene aus Sohrab Huras Beitrag.

Bonn. Jury vergibt den Videonale-Preis am Eröffnungsabend des Festivals im Kunstmuseum Bonn an Sohrab Hura aus Neu Delhi. Der Film handelt von der sexuellen, religiösen und politischen Gewalt in der indischen Gesellschaft.

Mit Reden im sehr gut gefüllten Auditorium des Kunstmuseums Bonn, einem glücklichen Preisträger Sohrab Hura und quälenden Klängen aus dem Inneren von Maryna Makarenko ist die 17. Bonner Videonale eröffnet worden – die erste, so kann man sagen, die nicht unter zu prekären finanziellen Bedingungen zu leiden hatte.

Noch im Sommer 2018 stand es auf der Kippe, ob Videonale-Chefin Tasja Langenbach die Nummer 17 würde stemmen können. Dann kam die Erhöhung der Förderung durch die Stadt von 50.000 auf 60.000 Euro, durch das Land von 40.000 Euro pro Haushaltsjahr auf 80.000 Euro. Die Kunststiftung NRW hat die Förderung um 15.000 Euro auf 50.000 Euro angehoben. In den Reden des Abends wurde diese Entwicklung ausdrücklich als Zeichen für Anerkennung und Kontinuität gewertet.

So beginnt für die Videonale, die 1984 als studentische Initiative startete, die förmlich vom Kunstverein gerettet und dann beherbergt wurde und 2004 ins Kunstmuseum wechselte, quasi eine neue Ära. Äußerst ärgerlich in diesem Zusammenhang, dass sich Michelle Cotton mit ihrem Bonner Kunstverein auch bei der Videonale.17 völlig heraushält. Vorvorgängerin Annelie Pohlen hatte sich noch vehement für das Festival eingesetzt – und ließ im Gespräch am Rande die schwierigen und finanzklammen Anfangsjahre Revue passieren. Langenbach eröffnete eine Videonale mit sehr hohem Niveau. Das Thema „Refracted Realities“ (gebrochene Wirklichkeiten) kommt zwar etwas sperrig daher, doch die Ergebnisse des etwa zur Hälfte aus eher bekannten und etablierten Videokünstlern bestehenden Feldes – in der anderen Hälfte sind Entdeckungen und Nachwuchskünstler versammelt – sprechen für sich.

Der mit 5000 Euro dotierte Videonalepreis der fluentum Collection geht an den 1981 geborenen, in Neu Delhi lebenden Sohrab Hura für den wirklich begeisternden Film „The Lost Head and the Bird“. Hura überzeugte die Jury. Die bestand aus Inke Arns, Direktorin des Hartware Medienkunstvereins Dortmund, Stephan Berg, Intendant des Kunstmuseums Bonn, Nikola Dietrich, Direktorin des Kölnischen Kunstvereins und Marcel Schwierin, Direktor des Edith-Russ-Hauses für Medienkunst Oldenburg.

Wie eine überdrehte Maschine

Die Jury begründete ihr Urteil so: „'The Lost Head and the Bird' beginnt mit einer Kurzgeschichte: Eine Frau verliert ihren Kopf und macht sich auf die Suche nach einem neuen. Wir sehen das Foto eines verrenkten menschlichen Aktes. Mit dem Ende des Märchens über das kopflose Mädchen Madhu setzt eine Flut von Bildern ein – Found Footage, bestehend aus Fotos und Videos. Es werden jeweils zwei Bilder kombiniert und ergeben so ein Drittes. Die mit zunehmender Geschwindigkeit laufenden, immer gewalttätigeren Bilder werden von einem treibenden Soundtrack von Hannes d’Hoine und Sjoerd Bruil begleitet. Wie eine überdrehende Maschine verselbstständigt sich die Geschichte von der Frau ohne Kopf in den brutalen Social-Media-Bildern, und ausgehend von diesen wird ein ganzes Gesellschaftsbild gezeichnet.“ Hura entwickle eine „überzeugende Bildsprache für die Problematik der sexuellen, religiösen und politischen Gewalt in der indischen Gesellschaft. Die teils voyeuristischen Bilder spielen dabei mit dem Voyeurismus der Betrachter.“

Die Jury entschied sich auch dazu, eine „lobende Erwähnung“ auszusprechen: Für die Miniserie „Hostel“ des 1967 geborenen, in Hamburg und Berlin lebenden Stefan Panhans. Auch dies eine exzellente Entscheidung. „Hostel“ besticht durch ein professionelles Setting, gute Dialoge und Dramaturgie und tolle Schauspieler.

Makarenkos etwas langatmige und nach dem Redenmarathon beim Publikum recht kräftezehrende Performance „Tuning of the World“ am Ende speiste sich aus per Mikro aufgenommenen, verfremdeten Geräuschen aus dem Inneren der Künstlerin.