Deutsche Welle in Bonn

"Unsere Zielgruppe lebt in Facebook"

BONN. Mit einem "Geehrte und liebe Zuhörerinnen und Zuhörer im fernen Lande" schickte Bundespräsident Theodor Heuss die Deutsche Welle (DW) am 3. Mai 1953 auf Sendung und Auslandsmission. Eine gewaltige Aufgabe, wollte sich doch die junge Republik als demokratischer, moderner und freiheitsliebender Staat präsentieren.

Auferstanden aus den Ruinen von Nazi-Barbarei und Weltkrieg. Die DW soll "Deutschland als europäisch gewachsene Kulturnation und freiheitlich verfassten demokratischen Rechtsstaat verständlich machen", so heißt es im DW-Gesetz von 2005. Mit einem täglich dreistündigen Radioprogramm via Kurzwelle auf Deutsch ging es los.

2011 stellte die DW den Kurzwellen-Betrieb ein. Nur ein äußeres Zeichen für eine durch ein weltweit radikal gewandeltes Kommunikationsverhalten der Nutzer entfesselte Medienrevolution, die nicht nur die DW erfasst hat. Wer in der vergangenen Woche durch die Börse des "Best-Practice-Day" flanierte, einer DW-internen Veranstaltung, bei der Mitarbeiter sich gegenseitig über Themen und ihre Arbeitsbereiche informieren, dem wurde klar, wie wenig bei der DW 2013 von den Pioniertagen übrig geblieben ist.

Der Gremiensaal im Schürmannbau, seit 2003 Domizil der Welle, gleicht einem Bienenkorb: Bewegung, Austausch, babylonisches Sprachengewirr. In 30 Stationen bildet sich das aktuelle Erscheinungsbild der Welle ab. Das reicht vom virtuellen Studio bis zu Strategien, mit dem Phänomen Smart TV umzugehen, von der Medienschmiede DW-Akademie bis zu "User generated content", einem Format, bei dem der Gast das Material für die Sendung mitbringt.

Mehrere Stationen widmen sich der seit 2011 forcierten Regionalisierung des Angebots. Um Inhalte gezielt an die Frau und den Mann zu bringen, wurde etwa das deutsch-russische Politik- und Wirtschaftsmagazin "Geofaktor" konzipiert. Für den boomenden Medienmarkt Brasiliens entwickelten die Bonner DW-Mitarbeiter das Format "Futurando" mit einem Angebot, das Wissenschaft, Technologie und Umwelt umfasst. "Europa heute" heißt das rumänische Magazin. In der Sprache Hindi wird "Manthan" ausgestrahlt, das einzige Wissenschaftsmagazin Indiens, wie Hindi-Redaktionsleiterin Priya Esselborn versichert.

Doch nicht nur mit in Bonn produzierten TV-Formaten, die über Partnersender ausgestrahlt werden, Beiträgen auf dem eigenen YouTube-Kanal und ergänzenden Online-Angeboten sucht die DW den Weg zu ihrem Publikum. Immer wichtiger werden die Social Media, Facebook, Twitter und Co. Seit zwei Jahren gibt es etwa eine Facebook-Seite von DW-Kisuaheli, die von Usern in Tansania, Kenia und der Demokratischen Republik Kongo genutzt wird. Mehr als 45 000 Fans hatte die Kisuaheli-Facebook-Seite im abgelaufenen Monat April. Die seit zwei Jahren existierende Seite hat den höchsten Interaktionsindex aller DW-Angebote, sagt Andrea Schmidt Leiterin der Kisuaheli-Redaktion, "dank billiger chinesischer Smartphones ist der Zugang zu Facebook unproblematisch."

Ein Drittel der 45 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung Tansanias nutze darüber hinaus das Kisuaheli-Radioprogramm der DW. Drei Stunden am Tag sendet es; "Wir treffen uns um Deutsche Welle", sei eine stehende Redewendung für ein Date um 13 Uhr, erzählt Schmidt. Da beginnen gewöhnlich die Nachrichten. Was auf Facebook gepostet und kommentiert wird? Das reicht von politischen Themen bis zum Gesundheitszustand Nelson Mandelas und Anmerkungen zur Affäre rund um Christian Wulff. Da herrscht im korruptionsgebeutelten Afrika bisweilen Unverständnis: "Bei euch nehmen die Politiker Geld von ihren Freunden, hier nehmen sie es von uns!" Die Arbeit mit Social Media ist bei der Welle kein Selbstzweck, vielmehr ein Weg zur Interaktion, zum Kontakt mit den Nutzern. Viele Informationen finden von Facebook aus als Anstoß den Weg in die Redaktion.

Auch für die arabische Welt und Lateinamerika spielen Facebook und Co. eine wichtige Rolle. Social-Media-Redakteur Tarek Anegay erinnert sich, dass das Medium gerade während des "Arabischen Frühlings" als "Plattform für eine offene Diskussion" genutzt wurde. Insgesamt 13 Mitarbeiter betreuen die Social-Media-Desks für die arabische Welt und Lateinamerika, moderieren Facebook-Diskussionen, bringen DW-Inhalte ein. "Es wird nicht in eine Richtung gesendet, der Strom fließt auch zurück", sagt Rainer Sollich, Redaktionsleiter Arabisch, und erläutert, wie die Interaktion auf Facebook wiederum das Angebot des Senders prägt und verändert. Das Interesse an Themen wie Kopftuchverbot und der Fall NSU seien in der arabischen Welt groß, sagt er.

Anegay sieht aber nicht nur Vorteile dieser freien Kommunikation. "Für uns ist Etikette im Internet sehr wichtig", sagt er und beschreibt die Schwierigkeit, etwa rassistische und islamistische Inhalte aus den Kommentarspalten und Postings herauszuhalten. Das erfordere Feingefühl und sprachliches Knowhow, denn, so Anegay, "die wenigsten Beleidigungen kommen in hocharabischer Sprache auf die Facebook-Seite". Aber es hilft nichts: "Unsere Zielgruppe lebt in Facebook und Twitter", räumt Anegay ein.

Das wissen auch antisemitische und islamistische Eiferer, die virtuos im weltweiten Netz unterwegs sind. Seit Beginn der Aufstände in Syrien 2011 gibt es etwa die Assad-treue Hackergruppe "Syrische Elektronische Armee". Die hatte sich vor wenigen Tagen in den Twitter-Account der Agentur AP gehackt und die Meldung lanciert, Präsident Barack Obama sei bei bei einem Anschlag aufs Weiße Haus verletzt worden. Auch das Twitter-Konto der Deutsche Welle wurde von den Syrern gehackt.

Im Internet wiederholt sich, was der DW im TV-Sendebetrieb immer wieder Probleme bereitet: "Jamming", so heißt das elektronische Stören von Sendern. Seit 2010 hatte die DW damit ernste Schwierigkeiten, denn aus dem Iran wurde der Übertragungssatellit Hotbird 8 gestört, um Sendungen der Welle zu stoppen. Ähnliches ereignete sich zu Beginn der Parlamentswahlen in Äthiopien. Durch "Jamming" störten Gegner die Kurzwellenfrequenzen des Amharischen Programms der DW. Radio Neatherlands Worldwide, die BBC, Radio France und Voice of America gehörten verschiedentlich auch zu den "Jamming"-Opfern.

Mit großem technischen Aufwand versucht die Welle, Internet-Sperren zu umgehen. Bei dieser Abteilung des "Best-Practice-Day" glaubt man bei James Bond und Co. zu sein. "Psiphon 3" heißt eine in Kanada entwickelte "Tunneltechnologie", so der Zensurumgehungs-Spezialist Dirk Berghaus, die hilft, die Zieladresse (zum Beispiel DW), die der Nutzer aufruft, für die Zensurbehörden zu verschleiern. "Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel" zwischen Welle und Zensur, sagt Berghaus: Die Chinesen reagieren blitzschnell und blockierten das Internet-Angebot, bei den Iranern dauere es etwas länger. Dann liegt der Ball wieder in der Hälfte der Welle. Und die Suche nach neuen Bypässen beginnt von Neuem.