"Unsere Zeit will ihr Gesicht"

<b>Marta Worringers</b> Zeichnung "Fastnacht" aus den späten 20er Jahren war 2001 im Macke-Haus zu sehen.

<b>Marta Worringers</b> Zeichnung "Fastnacht" aus den späten 20er Jahren war 2001 im Macke-Haus zu sehen.

Die Historikerin Helga Grebing stellt im Bonner Haus der Geschichte ihre brillante Biografie "Die Worringers" vor, ein typisch deutsches Schicksal - und doch ganz anders

Bonn. Er war ein Mann der geschliffenen, auch poetischen Metapher und gleichwohl Freund klarer Begriffe und unkorrumpierbarer Ansichten: Der Kunsthistoriker Wilhelm Worringer hat beispielsweise Worte wie die "Abstraktion" (1908) geprägt, die er als sinnliches Abenteuer empfand, und vor dem engen Blick des "Eurozentrismus" gewarnt.

Worringer konnte aber auch recht uncharmant sein. So sagte er einmal: "1907 haben ein Holzschnitt und ein Aquarell geheiratet", um zu schließen: "Das Aquarell bin ich." Mit dem "Holzschnitt" war die resolute und, was Familie und Mann anging, gleichermaßen opferbereite Künstlerin Marta Worringer gemeint.

Beide wurden im Januar 1881 geboren, beide starben 1965 im Abstand von nur wenigen Monaten (er im März, sie im Oktober) - fast wie Ovids Sagengestalten Philemon und Baucis, ein Ehepaar, das sich als Lohn von den Göttern den gleichzeitigen Tod erbat. Auch die Worringers sollen sich das gewünscht haben.

Die Geschichte von Wilhelm und Marta Worringer ist eine typisch deutsche Biografie - und sie ist doch anders. Sie handelt von Existenzen, die vom ersten Weltkrieg verstört und von der Apokalypse aus NS-Zeit und zweitem Weltkrieg nahezu zerstört wurden. Sie erinnert an Menschen in Bewegung, später auf der Flucht - von Bern nach Köln und Bonn, von Königsberg nach Berlin, Halle und München. Eine Zeitreise vom Kaiserreich in die Weimarer Republik, in die braune Diktatur und dann in die rote der SED, schließlich in die frühe Bundesrepublik.

Die Geschichte dreht sich auch um einen begnadeten Querdenker, der vom deutschen Hochschulkartell lange missachtet wurde, gleichwohl dort seine Erfüllung suchte; und sie handelt von einer vielseitigen Künstlerin, deren Werk erst in den 90er Jahren - vom August Macke Haus - wiederentdeckt wurde.

Die Berliner Historikerin Helga Grebing, Autorin eines Standardwerks über die Geschichte der Arbeiterbewegung, hat dem Leben der Worringers nachgespürt. Am Mittwoch präsentierte sie "Die Worringers" im Haus der Geschichte.

Es war mehr als nur eine Buchvorstellung, vielmehr ein facettenreicher Ausflug in die Historie, bei dem sich Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann, Anne-Marie Bonnet, Lehrstuhlinhaberin im Kunsthistorischen Institut der Bonner Universität, sowie Klara Drenker-Nagels, Direktorin des Macke Hauses, jeweils von unterschiedlichen Positionen dem Buch und den Worringers näherten.

"Ein spannendes Stück wissenschaftlichen und kulturellen Lebens in Bonn und im Rheinland" fand Bärbel Dieckmann, der auch die engagierte Figur der SPD-Wählerin Marta Worringer imponiert, in Helga Grebings Buch. 1914 bis 1928 lehrte Wilhelm Worringer mit Unterbrechungen an der Bonner Universität. Im Wissenschaftsbetrieb aber blieb er, der in Bern mit der Schrift "Abstraktion und Einfühlung" (1908) promoviert wurde, sich dann habilitierte, lange ein Außenseiter.

Der deutschen Kunstgeschichte war er zu metaphernreich, subjektiv und pathetisch, erinnerte Anne-Marie Bonnet: "Er bürstete die Kunstgeschichte gegen den Strich, immer mit der Gegenwart im Auge - so kann man keine Karriere machen." Kunst diene dazu, "die Angst, auf der Welt zu sein, zu bannen", es gehe in der Kunstgeschichte "um Liebe, Leidenschaft und Einfühlung, nicht darum, Falten zu zählen", so interpretiert die Bonner Professorin Worringers Ansatz.

Über Marta Worringer, die bei der Flucht aus Königsberg nahezu ihr gesamtes Werk zurücklassen musste, wusste man lange nicht viel. Mit acht Werken, fünf aus dem Kunstmuseum Bonn, zwei aus dem Stadtmuseum Düsseldorf und einem aus Familienbesitz, startete, so Klara Drenker-Nagels, die Recherche; heute sind 175 Werke der Rheinischen Expressionistin bekannt, der Nachlass wurde 2001/2002 in einer Ausstellung im Macke Haus präsentiert.

Voller Entdeckungen steckt auch Helga Grebings mit viel Engagement geschriebene Doppelbiografie. Liebevoll geht sie selbst atmosphärischen Schwankungen in der gewiss nicht einfachen Ehe der Worringers nach. Im Briefwechsel etwa mit Ernst Robert Curtius oder Louise Dumont, den Tagebüchern von Marta Worringer oder Tochter Lucinde wurde die Biografin fündig.

Und sie erinnert an wunderbare Passagen wie Wilhelm Worringers Eröffnungsschrift für die Berliner Secession 1918: "Unsere Zeit will ihr Gesicht. In allen Mienen zuckt es von Möglichkeiten. Und auch in Grimassen sprüht Zukunft. Pfeile der Sehnsucht nach dem anderem Ufer. Wir wissen es gut: keine neue Menschheit steht hinter der neuen Kunst. Wohl aber eine neue Menschlichkeit."

Helga Grebing: Die Worringers. Parthas Verlag, 320 S., 38 Euro