Kammerspiele Bad Godesberg

Umwerfender Theaterabend mit Franz Wittenbrinks "Eltern"-Abend

Alle Neune auf der Bühne: (von links) Maya Haddad, Jonas Minthe, Benjamin Grüter, Therese Hämer, Mareike Hein, Sandra Maria Schöner, Roland Silbernagl, Lydia Stäubli und Robert Höller.

BAD GODESBERG. Mit diesen Schauspielern werden wir noch viel Freude haben. Rund zwei pausenlose Stunden dauerte Franz Wittenbrinks "Eltern"-Zeit in den Kammerspielen Bad Godesberg, und sie waren umwerfend: Mareike Hein, Maya Haddad und Lydia Stäubli, Roland Silbernagl, Benjamin Grüter, Jonas Minthe und Robert Höller - alle fest am Bonner Theater.

Verstärkt wurde das Siegerteam durch die Gäste Sandra Maria Schöner und Bonn-Heimkehrerin Therese Hämer. Wittenbrink hat seine bereits am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg erfolgreiche Produktion über Triumphe und Nöte von Eltern für Bonn neu eingerichtet. Auf Raimund Bauers Bühne, die schnelle Auf- und Abgänge erlaubt, war man gleich mittendrin im eigenen Leben.

Die Regie hatte die Männer beim Geburtsvorbereitungskurs flachgelegt. In dieser Position konnten sie sich in den Geburtsprozess einfühlen. Wittenbrinks Eltern-Revue schlug einen Bogen von der Geburt bis zum Seniorenstift Bad Godesberg, wo die alt gewordenen Eltern (vergeblich) auf den Besuch ihrer Kinder warteten. Dazu sangen sie Friedrich Hollaenders "Baby, wo ist mein Baby".

Nichts Menschliches enthält der unterhaltsame Abend dem Zuschauer vor. Jeder kann sich in den Szenen zwischen Kindergarten und Elternabend und den vielen Songs zum Thema wiederfinden: die gegenwärtigen und die zukünftigen Eltern im Parkett. Die anderen auch, sie waren schließlich alle einmal Kinder.

Wittenbrinks Erfolgsformel besteht darin, eine Geschichte mit Liedern zu erzählen. Das hat er 1995 mit "Sekretärinnen" in Hamburg erfolgreich umgesetzt, später mit "Männer" und "Aida". In "Eltern" setzt er Mozart (Papageno-Papagena) ebenso ein wie Bettina Wegner ("Sind so kleine Hände"), Steppenwolf ("Born To Be Wild") und "Hänschen Klein". Der Hit des Abends war der Song "Mein Kind ist geiler als dein Kind", den gab's auch als Zugabe.

Überraschende Einblicke in die menschliche Existenz vermittelte der Abend nicht, wie auch? Die szenisch-musikalische Nummernrevue spiegelte aber die emotionalen Höhenflüge und gelegentlichen Abstürze, die das Elterndasein mit sich bringt: auf leichte Weise, ohne leichtgewichtig zu sein. Wittenbrink kennt sich aus, er hat drei Töchter.

Robert Silbernagl war Malte Focke: eigentlich "born to be wild", aber eingeholt von den Zwängen des Elternalltags. Ein Zahnarzt mit Motorrad, den die Möglichkeiten jenseits einer bürgerlichen Karriere verfolgen wie Phantomschmerzen. Seine Frau Kerstin (Sandra Maria Schöner) hat sich auch einmal kühne Träume erlaubt. Angekommen in der Wirklichkeit, singt sie das Lied "Du warst mal besser im Bett". Auch ein Höhepunkt des Abends: Schöners herrlich melancholisches "Flugzeuge im Bauch".

Lydia Stäubli und Robert Höller waren Sabine und Jochen, zwei arrivierte Leistungsträger, gewissermaßen klassische FDP-Wähler. Maya Haddad und Jonas Minthe verkörperten als Jessy und Frankie den gesellschaftlichen Gegenentwurf. Den beiden Sozial-Verlierern gehörten offensichtlich die Sympathien Franz Wittenbrinks.

Weniger vermutlich den authentisch nervigen Öko-Vertretern Mareike Hein und Benjamin Grüter (Beate und Robert). Therese Hämer war Roberts Erzeugerin, die singend versprach: "Deine Mutter bleibt immer bei dir." Das klang ein bisschen wie eine Drohung.

Hämer war spitze als singende Mutter und absurd komisch als Sexualtherapeutin. Während der Arbeit mit den Fockes erschien sie als einzige, die einen Lustgewinn aus dem gemeinsamen Diskurs abzweigen konnte; das bewies sie, sinnlich durchgeschüttelt, mit dem Prince-Song "Sexy Motherfucker". Hämer beherrschte auch die dunklen Töne des Abends.

Trennungsschmerz verpackte sie bewegend in Jacques Brels "Bitte geh nicht fort". Weitere Highlights: Mareike Heins zum Frustsong umfunktionierte Wegner-Adaption "Sind so kleine Hände" und "Ritalin" von Lydia Stäubli und Robert Höller auf eine Melodie von Leonard Cohen.

Alles wäre nichts ohne die Musiker. Marcus Schinkel (musikalische Leitung) hatte eine inspirierte Band perfekt eingestellt: Peter Engelhardt, Achim Fink, Stefan Lammert, Bas Rietmeijer und Lothar van Staa. Großer Applaus zum Schluss.

Mit diesem Ensemble werden wir noch viel Freude haben - mit dieser Erkenntnis, siehe oben, verließ man die Kammerspiele. Und mit einem liebevoll und intelligent gemachten Programmheft. Das können sie also auch, die Macher des neuen Schauspiels.

Auf einen Blick

  • Das Stück: Ein gewitzt konstruierter musikalischer Theaterabend.
  • Die Inszenierung: Die "Eltern"-Zeit vergeht wie im Flug.
  • Die Schauspieler: Sie stürzen sich mit Spaß und Stimme in die Nummern-Revue.

Info: Die nächsten Aufführungen: 26. Oktober, 10. und 17. November, 7., 20. und 31. Dezember. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.