Premiere in den Kammerspielen

Trümmer und Träume

Das Meer ist in ihr: Mareike Hein als Ibsens Ellida Wangel.

Das Meer ist in ihr: Mareike Hein als Ibsens Ellida Wangel.

Bonn. Ein intensiver Abend, den man nicht verpassen sollte: Martin Nimz inszeniert Ibsens „Die Frau vom Meer“ in den Kammerspielen.

Der Mann hat eine Liebe: die Welt. Die Frau hat eine Welt: die Liebe. Aus dieser Erkenntnis bezieht Henrik Ibsens Drama „John Gabriel Borkman“ (1896) seine Konflikte und seinen tragischen Kern. In Ibsens „Die Frau vom Meer“ aus dem Jahr 1888 verhält es sich mit dieser Gleichung anders. Der Bezirksarzt Wangel vergöttert seine (zweite) Frau Ellida, sie ist seine Welt. Auch Ellida ist eine große Liebende. Kleines Problem: Sie liebt einen geheimnisvollen Fremden, einen Seemann, mit dem sie vor ihrer Heirat verlobt war.

Der Fremde ist in Martin Nimz' Inszenierung in den Kammerspielen ebenso abwesend wie die Figur des Ballested; sie fehlen nicht wirklich. Der Regisseur, der Ibsens „Wildente“ 2014 als lustige Familienzerfallsgeschichte gedeutet hat, präsentiert eine verschlankte „Frau vom Meer“. Mit der Handlung, zum Beispiel dem Ende, nimmt er sich einige Freiheiten. Ellidas Zukunft bleibt hier offen. Bei Ibsen ist sie zum Schluss mit dem guten Doktor vereint.

Die Sprache des Autors ist punktuell aufgepeppt und an die Gegenwart herangeführt. Macht nichts, die Essenz und die Wucht des Stückes bleiben erhalten. Das Publikum erlebt in den Kammerspielen intensive 165 Minuten (einschließlich Pause). Ein Abend, den man nicht verpassen sollte.

Sebastian Hannaks Bühne verwandelt Doktor Wangels Haus in einer kleinen Fjördstadt im nördlichen Norwegen in eine Trümmerlandschaft; mit Felsbrocken, umgestürzten Stühlen und Tisch. Vieles ist hier zerbrochen und aus dem Lot. Wangels erste Frau ist tot, und die Töchter Bolette (Lena Geyer) und Hilde (Lara Waldow) kommen mit der somnambul auftretenden und elegisch monologisierenden Nachfolgerin nicht klar. Mareike Hein als Ellida ist wie ein Wesen aus einer anderen Welt, dem Meer verbunden, wenn nicht verfallen. Ihre Obsession mit dem Seefahrer deutet die Inszenierung als psychopathologisches Problem. Dieser Frau kann auch der bemühte Bezirksarzt (Holger Kraft) nicht wirklich helfen. Der aufstrebende junge Künstler Lyngstrand (Daniel Gawlowski) und Oberlehrer Arnholm (Benjamin Grüter) vervollständigen eine Schar von Vereinzelten und verzweifelt Suchenden. Oft stehen sie weit voneinander entfernt, wenn sie miteinander sprechen.

Martin Nimz, der das Seelenleben der Charaktere mit maritimen Soundeffekten, raffinierten Lichtspielen (Sirko Lamprecht) und surrealen Projektionen (Video: Thorsten Hallscheidt) spiegelt, bereitet den Schauspielern die Bühne. Sie beglaubigen die zeitlose Geschichte Ibsens vom Konflikt zwischen mächtigen Sehnsüchten und den Widrigkeiten des Alltags auf eindringliche Weise. Jeder gibt seiner Figur unverwechselbare Züge: Die Bühne lebt.

Mareike Hein als Ellida erscheint in einem Moment faszinierend verpeilt und wie ferngesteuert und im nächsten Augenblick sehr wohl in der Lage, den Männern zu zeigen, wo's langgeht. Mal ist sie kalt wie ein Fisch, mal zart, verletzlich und verträumt.

Holger Kraft strampelt sich als Doktor Wangel als ein Mann ab, der zu gut ist für diese Welt. Der geborene Kümmerer lädt sogar seine Frau zum Beziehungskrisengespräch ein. Lena Geyer gelingt als Bolette der Durchbruch am Bonner Theater. Sie zeigt alles: jauchzend und betrübt, streitlustig und gewitzt, schlau und schwärmerisch. Ihr Jähzorn ist unwiderstehlich und, wie vieles an diesem Abend, sehr komisch. Hilde verkörpert Lara Waldow mit morbiden, vom Sterben faszinierten Impulsen: ein blonder Todesengel. Ihr fällt, anders als bei Ibsen vorgesehen, der junge Lyngstrand zum Opfer. Der Bildhauer, der immer nur von der Kunst redet, statt sie zu erschaffen, ist in Daniel Gawlowskis Händen eine charmant linkische, in die eigenen Zukunftsvisionen (oder Illusionen) vernarrte Gestalt. Benjamin Grüter als Arnholm kann mit dem Hochziehen der Augenbrauen und einem „Ja“ formvollendete Gleichgültigkeit ausdrücken. Doch auch er gerät wie alle anderen Figuren in den Strudel lebensverändernder Leidenschaft.

Starker und verdienter Beifall in den Kammerspielen.

Die nächsten Vorstellungen: 5., 7., 22. und 28. April. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.