Die Quadratur des runden Würfels

Thomas Scheibitz im Kunstmuseum Bonn

Vom Tisch an die Wand: Die Ausstellung von Thomas Scheibitz ist eine höchst anregende und unterhaltsame Schule des Sehens.

Vom Tisch an die Wand: Die Ausstellung von Thomas Scheibitz ist eine höchst anregende und unterhaltsame Schule des Sehens.

Bonn. Witzig, hintergründig, konsequent: Das Kunstmuseum Bonn präsentiert den Biennale-Künstler Thomas Scheibitz in einer umfangreichen Ausstellung

Das Stilistische liegt dem Maler Thomas Scheibitz nicht so am Herzen, wiewohl er Rembrandt, El Greco oder Frank Auerbach sehr schätzt und er in seinen Bildern nicht verhehlen kann, dass er sich exzellent in der Kunstgeschichte auskennt, sogar noch virtuoser mit ihr spielen und jonglieren kann. „Methode ist für mich wichtiger“, sagt er, das auf einer eigens entwickelten Grammatik, einem Formen- und Figurenalphabet fußende planvolle Bauen von Bildern und dreidimensionalen Objekten. Und so ist es ein wahres Geschenk an die Besucher des Kunstmuseums Bonn, dass im zentralen Ausstellungsraum ein Werktisch steht, vollgepackt mit Stücken aus Scheibitz' Fundus und Ideenarchiv. Und am Ende der Schau erwartet uns ein dreieckiger Raum, das „Schaulager/Depot“, in dem weitere Kunstobjekte und Fundstücke dicht gedrängt magaziniert sind. „So sieht mein Atelier auch aus“, erklärt der Künstler.

Jedoch wäre es zu simpel, die einzelnen Artefakte mit dem Inventar gleichzusetzen, das Scheibitz' Bilder bevölkert – arrangiert wie in Setzkästen oder Bühnenräumen. Jedes Fundstück, ob Apfel, Kugelschreiber, Wiegemesser, Kerze, Polygon oder Figur, erfährt nämlich während der Transformation ins Bild seine Metamorphose, erscheint etwa zur geometrischen Figur konkretisiert oder malerisch aufwendig veredelt.

Neuer Professor an der Kunstakademie Düsseldorf

Der 49-jährige Scheibitz, geboren in Radeberg, aufgewachsen in der DDR und seit Montag frisch berufener Professor für Malerei an der Düsseldorfer Kunstakademie, hat für Bonn nicht nur die Ausstellung konzipiert, sondern auch den Katalog, der einen wunderbaren Einstieg in Werk und Methodik ermöglicht. Rund 60 Arbeiten sind zu sehen. 80 Prozent davon entstanden im vergangenen Jahr und wurden explizit für die Bonner Schau geschaffen. Seit zwei Jahren arbeitet der Perfektionist Scheibitz anhand eines Architekturmodells an der Ausstellung im Kunstmuseum.

Das Ergebnis ist umwerfend: Eine sehr frische, aktuelle Bestandsaufnahme mit einzelnen retro-spektivischen Werken, die Entwicklungen erkennen lassen, aber auch eine erstaunliche Kontinuität zeigen, die rund zwei Jahrzehnte Scheibitz-Kunst aus einem Guss erscheinen lassen. Wobei es interessant ist zu sehen, wie sich sein Raumempfinden, vor allem aber sein Kolorit verändert hat. Düster, emotional aufgeladen und räumlich spekulativ und unentschlossen kommt die „Dunkle Landschaft“ (1995) aus der Dresdner Akademiezeit daher. Drei Jahre später entsteht unter dem Eindruck eines Studienaufenthaltes in Tokyo das Bild „Offene Gegend“, in dem die „japanische“ Umrisslinie das Gefüge von Raum und Farbflächen organisiert und das Setzkastenprinzip mit einzelnen ins Spiel gebrachten Formen und Körpern zu wirken beginnt.

Ein Stadtplan, der Chaos verbreitet

Vorbildlich führt die Schau – unter weitgehender Aussparung der populärsten Werke, die rund um Scheibitz' Auftritt im Deutschen Pavillon der Kunstbiennale Venedig 2005 entstanden – wie sich dieser Prozess fortführt. Mit unglaublicher Konsequenz – und Witz. Die wie ein Hügel aufragende gemalte Brust mit rosiger Spitze (2017) etwa hängt verschämt im Séparée; der riesige, dreidimensionale Puzzle-Stein „Kapital VIII“ (2017) befindet sich in einem Raum mit dem durch und durch absurden „Runden Würfel“ (2017); das Bild „Ansicht und Plan von Toledo“ (2000) suggeriert Ordnung, breitet jedoch planvolles Chaos vor dem suchenden Auge des Betrachters aus; koloristisch äußerst raffiniert kommt „Limbus“ (2014) daher, ein Grau dominiertes Gemälde, in dem der Maler die typischen leuchtenden Scheiblitz-Farben in schmalen Bändern quasi als Rahmen an den Rand schiebt, um das entstandene zentrale Feld nicht ohne einen Anflug von Ironie mit einer ausufernd gestischen, wabernden, pulsierenden abstrakten Farb- und Linienwolke zu füllen.

„Paolo entkleidet Francesca in offener Gegend“ ist ein herrliches Gemälde von 2017 betitelt, ein Suchbild, das auf vier Metern Breite in kräftigen Signalfarben eine rätselhafte Entkleidung zeigt – oder auch nicht. Den wiederholt auftauchenden Begriff der „offenen Gegend“ hat Scheibitz einer Regieanweisung aus Goethes „Faust“ entnommen. Für den Maler ist das ein Schlüsselgedanke: „Größte Präzision bei größter Offenheit.“ Nach dieser Maxime arbeitet er.

„Masterplan\kino“ heißt die Schau. Scheibitz' Kunst-Masterplan ist wahrlich großes Kino, das anregt und Spaß macht.

Kunstmuseum Bonn; bis 29. April. Di-So 11-18, Mi 11-21 Uhr. Eröffnung: 31. Januar, 19 Uhr. Katalog 35 €