Premiere

Theater Bonn zeigt Multimediales Projekt über Rosa Luxemburg

Spurensuche nach dem Mythos Rosa Luxemburg: Philipp Basener und Lena Geyer.

Spurensuche nach dem Mythos Rosa Luxemburg: Philipp Basener und Lena Geyer.

Bonn. Ein Multimediales Projekt über Rosa Luxemburg „Eure Ordnung ist auf Sand gebaut“ bringt das Theater Bonn auf die Bühne. Hier ein Einblick in das neue Stück.

Es beginnt mit der Grabrede, die ihr Anwalt und Geliebter Paul Levi bei der Beerdigung Rosa Luxemburgs am 13.Juni 1919 hielt. Ende Mai war die Leiche der am 15. Januar ermordeten Revolutionärin im Berliner Landwehrkanal gefunden worden. „Fünf Monate treibt der Körper auf der Welt umher, gehasst noch im Tode, geschändet noch im Tode, verflucht noch im Tode, von denen, die sie gemordet haben. Aber der tote Körper steht auf, und auf steht mit ihm der Fluch, der dreifache Fluch für die, die das getan haben.“

Wie in einem TV-Krimi folgt ein Leichenschau-Video mit dem Schauspieler Philipp Basener als Forensiker. Ein Fetzen von ihrem rosa Kleid und eine vertrocknete kleine Blume auf der Brust verweisen auf die Identität der Toten. Rosa Luxemburg, bildungsbürgerliche jüdische Intellektuelle aus Polen, in Zürich promovierte Akademikerin, liebte Blumen und alles Lebendige. Die Schauspielerin Lena Geyer trägt zu weißen Schnürstiefeln ein weißes Kleid mit üppiger Blütenapplikation, Basener als Verkörperung der androgynen Seite der wortmächtigen Politikerin und Frauenrechtlerin ein eng geschnürtes weißes Gewand mit Kimono-Anmutung (Bühne und Kostüme: Maria Strauch). Trotz diverser Originalzitate und Liebschafts-Anekdoten ist die Inszenierung kein Biopic. Denn die drei Regieassistenten Julie Grothgar, Emmanuel Tandler und Frederik Werth begeben sich in ihrer gemeinsamen Collage „Eure Ordnung ist auf Sand gebaut“ auf eine Spurensuche nach dem Mythos Rosa Luxemburg.

„Die Revolution wird sich schon morgen wieder in die Höh‘ richten und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!“, schrieb Luxemburg kurz vor ihrem gewaltsamen Ende. Von solch biblisch donnerndem Pathos ist die Aufführung ebenso weit entfernt wie von dem Festrede-Optimismus der Luxemburg-Gemeinde.

Ein Blick auf die Welt nach dem Scheitern des Sozialismus

Das junge Team wirft einen ironisch gebrochenen Blick auf die Welt nach dem Scheitern des Sozialismus. Im schlichten weißen, raffiniert ausgeleuchteten Raum auf der Werkstattbühne wird die historische Kampfzone überblendet mit Szenen aus dem vernetzten Leben heutiger Weltverbesserer. Laura Sundermann erscheint per Video als einsame Kongress-Touristin, die in immer gleichen Hotelzimmern Botschaften am Laptop verbreitet. Bequemer Kuschel-Antikapitalismus, gelegentlich kopfüber rauschend in die Utopie von universaler Gerechtigkeit.

„Auch die Komfortzone braucht eine Revolution“, lautet die Botschaft nach einer knappen Stunde. Überzeugter Premierenbeifall. Genau an dem Tag, an dem zwei unberechenbare internationale Machthaber in einer asiatischen Glitzermetropole theaterwirksam ihr Image polierten. Die scharfsinnige Rosa stünde vermutlich auf der Seite des skeptischen Bühnennachwuchses.

Weitere Aufführung nur noch am 23.Juni um 20 Uhr in der Werkstatt. Am 24.Juni um 18 Uhr ist zum letzten Mal „Karl und Rosa“ (bei der Wiederaufnahme auf rund 3 ¼ Stunden inkl. Pause gekürzt) in den Kammerspielen zu sehen. Auf der Foyer-Bühne gibt es zudem bis zum 30. Juni eine kleine Dokumentar-Ausstellung zu Rosa Luxemburgs Leben.