Faszinierender Organismus

Tanzpremiere im Theater im Ballsaal

Wie auf dem Reißbrett: Szene aus „Vis motrix“.

Wie auf dem Reißbrett: Szene aus „Vis motrix“.

Bonn. Cocoondance setzt mit „Vis motrix“ einen weiblichen Gegenentwurf zum männlichen Vorgängerstück „Momentum“.

Ganz in Schwarz gekleidet sind die vier Frauen, die auf dem weißen Boden im Theater im Ballsaal liegen, angeordnet wie auf einem Reißbrett, in parallelen Linien oder rechten Winkeln. Kein Mensch käme auf die Idee, nach ihren Namen zu fragen. Denn die eng anliegenden Trikots, die in beinahe klobig wirkenden Schuhen münden, entindividualisieren sie vollkommen, ebenso die regungslosen Mienen ihrer Gesichter. Die erste Bewegung, die man als Zuschauer wahrnimmt, ist ein sich wölbender Brustkorb, der bald wieder in sich zusammensinkt. Dann ein anderer und wieder einer. Es wirkt fast, als würde einer einfachen organischen Masse langsam Leben eingeflößt.

Mit dem Stück „Vis motrix“, das am Freitagabend Premiere im Theater im Ballsaal hatte, stellt die Bonner Company Cocoondance einen weiblichen Gegenentwurf zu ihrer eigenen starken Produktion „Momentum“ für drei männliche Tänzer vor, die ihr für diesen März eine prestigeträchtige Einladung zur diesjährigen „Tanzplattform Deutschland“ nach Essen einbrachte.

„Vis motrix“, was für bewegende Kraft steht, bewegt sich von der kompletten Anlage her auf einem höheren Abstraktionsniveau. Zwar fällt schon auf, dass bestimmte Bewegungsmuster vom Breakdance und dessen aggressivere Krumping-Variante sich in den Bewegungen wiederfinden – schon das erste Zucken des Brustkorbs scheint sich daraus abzuleiten –, doch im Ballsaal nutzt Cocoondance-Choreografin Rafaële Giovanola diese Vorbilder, um etwas komplett Neues daraus zu kreieren. Die Darstellerinnen bleiben bis zum Schluss in einer Position, die den Rücken dem Boden zukehrt und das Gesicht zur Bühnendecke richtet. Im Verlauf des Stückes, wenn die Bewegungen stärker, der Puls von Franco Mentos Musik heftiger wird, werden sie diese Position nie wirklich verlassen. So heftig sie auch immer wieder versuchen, sich aufzurichten oder auf allen Vieren hochzuspringen, scheinen sie doch immer wie von einem unsichtbaren Band am Boden gefesselt zu sein.

Für Fa-Hsuan Chen, Martina De Dominicis, Tanja Marin Fridjonsdottir und Susanne Schneider stellt die eine Dreiviertelstunde andauernde extreme Körperspannung, die sie zu halten haben, eine extreme Herausforderung dar. Sie meistern sie mit Bravour. Sie gleiten wie Insekten über den Boden, wenden sich blitzartig um 180 Grad, lassen Gliedmaße zuckend hervorschnellen und erzeugen damit einen Ausdruck, der für den Wahrnehmenden seltsam zwischen biologischem Organismus und Mechanismus changiert. Was überaus faszinierend wirkt. Der Applaus nach der begutachteten Vorstellung am Samstag fiel entsprechend kräftig aus. Ein paar Zuschauer mehr hätte man diesem ungewöhnlichen und spannenden dreiviertelstündigen Abend gern gegönnt.

Weitere Vorstellungen im Theater im Ballsaal: 8., 9., 10. März, 14., 15. April. Karten gibt es u.a. in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.