"Wonderland revisited" im Ballsaal

Tanz mit dem Licht

Pas de deux mit einem virtuellen Partner: Szene aus der choreografischen Adaption von "Alice im Wunderland"- des Bonner Cocoondance-Ensembles. Das Bild zeigt die Tänzerin Laure Dupont vor einer Video-Animation. FOTO: FRÖHLICH

Pas de deux mit einem virtuellen Partner: Szene aus der choreografischen Adaption von "Alice im Wunderland"- des Bonner Cocoondance-Ensembles. Das Bild zeigt die Tänzerin Laure Dupont vor einer Video-Animation.

BONN. Mit gleichmäßigen Ruderschlägen durchpflügt ein Hase in seinem Boot den Fluss. Die Szene, die sich auf der Leinwand der jüngsten Cocoondance-Produktion "Wonderland Revisited" abspielt, mutet wie ein sehr altmodischer Zeichentrickfilm an.

Aber so antiquiert ist das, was in der nächsten Stunde auf der Bühne zu sehen sein wird, gar nicht. Was die Tänzerin Laure Dupont und der Animationskünstler und Filmemacher Simon Rouby am Premierenabend im Theater im Ballsaal auf die Bühne zaubern, ist eine Verschmelzung der Künste auf höchsten ästhetischen wie technologischem Niveau.

Laure Dupont, von der auch die Idee zu "Wonderland revisited" stammt, und ihr Partner erzählen mit visuellen und tänzerischen Mitteln (Choreografie: Rafaële Giovanola) die Geschichte von Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" neu. Natürlich ist der Boot fahrende Hase jener aus dem Buch, dem Alice nachsetzt. "Down in the rabbit hole" steht später wie mit Licht auf die Leinwand geschrieben. Mit vom Computerprogrammen errechneten Schraffuren verdunkelt sich die Leinwand immer weiter, bis über dem Boden nur noch ein weißer Fleck zu sehen ist, in dem Alice wie in einer Höhle kauert. Dass die Klänge von Jörg Ritzenhoffs Musik die Szene wie akustische Schraffuren begleiten, macht sie noch beeindruckender.

Die Computer generierten Animationen, die Rouby live auf der Bühne vom Notebook aus steuert, wirken wie ein zweiter Tänzer, wie ein lebendes Gegenüber von Alice, die zu Beginn gleichsam aus Licht geboren wird. Roubys Strahlen berühren Duponts Kleid wie der Pinsel eines Malers die Leinwand - und es entsteht Strich für Strich das Mädchen, der Mensch. In einer späteren Szene begegnet Alice einer computergenerierten Menschenfigur, deren Bewegungsabläufe so perfekt sind wie ihre eigenen. Allerdings scheint der virtuelle Mensch lernfähig und erweitert bald Alices Bewegungsrepertoire um absurd halsbrecherische Möglichkeiten.

Auf ihrer fantastischen Reise, die durch psychedelische Farb- und Klangräusche führt, begegnet Alice natürlich auch den bekannten Wesen aus Wunderland, wie der Grinsekatze. Aber eine der spannendsten Begegnungen ist die mit sich selbst. Ihr Avatar scheint wie in einem Netz aus Markierungslinien eines Grafikprogramms gefangen - und Alice mit ihm. Der Ausbruchsversuch aus diesem Gitternetz ist eine tänzerische wie grafische Meisterleistung. Das Stück, mit dem das Bonner Solotanzfestival heute zu Ende geht, ist eben eine kluge und virtuose Versuchsanordnung, die überaus sinnlich umgesetzt wird.

"Revisiting Wonderland" wird am Samstag, 20 Uhr, noch einmal im Theater im Ballsaal gezeigt. Karten in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.