Freitagskonzert des Beethoven Orchesters

Tönende Apokalypse

Monumentale Besetzung: Aufführung des Verdi-Requiems beim Freitagskonzert des Beethoven-Orchesters in der Oper.

Monumentale Besetzung: Aufführung des Verdi-Requiems beim Freitagskonzert des Beethoven-Orchesters in der Oper.

Bonn. Beethoven Orchester und Philharmonischer Chor der Stadt Bonn mit einer grandiosen Aufführung von Verdis Requiem im Opernhaus.

"Libera me – Befreie mich“, fleht der Chor ganz am Schluss von Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“, eine innige, in vierfachem Pianissimo vorgetragene Bitte um Erlösung. Von Verdi, der selbst nicht besonders gläubig war, ist dies sicher weniger in einem religiösen Sinne gemeint, sondern eher als Ausdruck einer tief empfundenen Sehnsucht des Menschen nach Frieden.

Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkriegs

Des Endes des Ersten Weltkriegs zu gedenken und ein „Zeichen für ein friedliches Miteinander“ zu setzen (wie es im Programmheft heißt) – das war ein Ziel des Beethoven Orchester beim jüngsten Freitagskonzert, das just auf den geschichtsträchtigen 9. November fiel: An diesem Tag vor hundert Jahren brach in Deutschland die alte Ordnung zusammen, der Waffenstillstand geriet in Sichtweite.

Äußeres Symbol dafür war die Einladung der Brussels Choral Society, die den Philharmonischen Chor der Stadt Bonn völkerübergreifend bei der Bewältigung des anspruchsvollen Chorparts unterstützte. So leise, wie das Werk schließt, beginnt es auch, Chor und Orchester entfalten im Introitus eine innige Atmosphäre, die von den wunderbar zart aufspielenden Geigen ebenso getragen wird wie von dem noch in den leisesten Momenten überaus homogen klingenden Chor.

Wenn dann nach dem letzten „Christe eleison“ die Musik in der Stille mündet, wirkt der Ausbruch des folgenden „Dies irae“ umso stärker. Generalmusikdirektor Dirk Kaftan nutzte diesen ohnehin schon scharfen Kontrast, um die Wucht der Sequenz noch deutlicher hervortreten zu lassen. Der Fortissimo-Beginn mit den markerschütternden Schlägen der Großen Trommel, den machtvollen Posaunen, den von elementarer Angst und Entsetzen kündenden Choreinsätzen und mit den hinabstürzenden Streicherkaskaden ging sozusagen direkt in die Magengrube: Kaftan trieb Musiker und Sänger mit hohem Tempo voran, forderte von jedem den Höchsteinsatz. Das war Apokalypse pur! Auch die Ferntrompeten im Tuba mirum, die aus der Höhe im voll besetzten Opernhaus erklangen, verfehlten ihre besondere Klangwirkung nicht.

Man hat Verdis Requiem oft ein wenig ironisch als seine beste Oper bezeichnet. Tatsächlich fand das eigentlich nicht für den liturgischen Gebrauch bestimmte Werk unmittelbar nach seiner am 22. Mai 1874 erfolgten Uraufführung in der Mailänder Kirche San Marco den Weg in die benachbarte Scala. Seither sind Opernhäuser und Konzertsäle das Zuhause dieser Totenmesse, die in der monumentalen Besetzung der „Aida“ in nichts nachsteht.

Totenmesse mit opernhaften Zügen

Doch die opernhaften Züge dieser Komposition sind auch in den weniger dramatischen Momenten der Totenmesse nicht zu leugnen. Ebenso wie Philip in „Don Carlo“ oder die Titelheldin in „La Traviata“ berühren auch die Solistenpartien in dieser Totenmesse auf sehr menschliche Weise. In Bonn waren es nun vor allem die beiden Frauenstimmen, die den emotionalen Tiefen der Musik Ausdruck verliehen. Adina Aarons wunderschöne Sopranstimme bestach im himmlischen „Libera me“ durch große Nuancierungskunst, die Mezzosopranistin Julia Gertseva gelang die dramatische Attacke ebenso sicher wie sie – gemeinsam mit dem klangvoll singenden Tenor Eduardo Aladrén und dem noblen Bass von Pavel Kudinov – die überirdische, sphärische Stimmung im „Lux aeterna“ wirken ließ.

Die beiden von Eric Delson (Brussels Choral Society) und Paul Krämer (Philharmonischer Chor) einstudierten Chöre beeindruckten durch die schiere Klangfülle, aber vor allem auch durch die genaue Intonation und rhythmische Präzision ihres Gesangs auch in den ruhigeren Abschnitten. Voll gefordert war natürlich auch das riesig besetzte Beethoven Orchester, das nicht nur im Tutti zu beeindrucken wusste, sondern auch in den zahlreichen Solopassagen etwa des Fagotts.

Schade, dass eine solche grandiose und aufwendige Aufführung in Bonn nur einmal zu erleben ist. Die gut tausend Hörer im Opernhaus waren jedenfalls tief beeindruckt, wie Jubel und Standing Ovations nachdrücklich zeigten.