Bundespräsident in Bonn

Steinmeier eröffnet Dauerausstellung im Haus der Geschichte

Bonn. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die neu konzipierte Dauerausstellung im Haus der Geschichte in Bonn eröffnet. Durch die neuen Exponate gewinnt auch das Altbekannte eine andere Perspektive.

War es der Anflug eines Lächelns, den sich die Herren in dem Konferenzraum in Helsinki zuwarfen? Einander zugewandt, offenbar gesprächsbereit waren sie allemal, der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt und der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker, als es 1975 um die Schlussakte der KSZE (Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) ging. Ob dort europa- und weltweit auf einen Schlag aus kalten Kriegern friedliche Tauben wurden, darf bezweifelt werden. Der Kalte Krieg zog sich noch lähmende Jahre hin. Im Bonner Haus der Geschichte eröffnet das Großfoto der beiden deutschen Antipoden aber als Vorbote einen Prozess unglaublicher Umwälzungen, der über viele internationale Kanäle und mithilfe wichtiger politischer Lenker zum Mauerfall und zur deutschen Einheit, zu einer Neudefinition Deutschlands und einem Titelblatt des „Time“-Magazins führte, das 2010 Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Titel „Frau Europa“ kürte.

In seiner Eröffnungsrede sagte Bundespräsident Frank Walter Steinmeier am Montag: „Diese Ausstellung hilft uns, die Wege zu verstehen, die wir gegangen sind: von der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa über den Fall der Mauer bis zu den Herausforderungen der Gegenwart, den Flüchtlingsbewegungen, ausgelöst durch Hunger, Kriege und Terror in der unmittelbaren Nachbarschaft Europas.“ Und weiter: „Und diese Ausstellung – gerade mit dem Blick auf die Alltagsgeschichte – regt uns an, miteinander ins Gespräch zu kommen.“ In seiner Rede bettete Steinmeier die deutsche Geschichte in einen europäischen und durch die Globalisierung weltweit angelegten Kontext ein.

Die Dynamik wird spürbar

Und traf damit akkurat die Intention von Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte, zumindest die vergangenen 30 bis 40 Jahre seines historischen Parcours mit Blick auf internationale Entwicklungen neu zu bewerten und zu sortieren. Ausgehend von dem KSZE-Foto wurde die Dauerausstellung vollständig erneuert. Die ungeheure Dynamik die zwischen dem Blickkontakt von Schmidt und Honecker, Ronald Reagans Beschwörung „Mr. Gorbachev, tear down this Wall!“ bis zu den immer noch elektrisierenden Szenen rund um den Mauerfall wird durch die Neuinszenierung greifbar. Dazwischen liegen die Demo-Bilder aus Leipzig, die 661 DDR-Bürger, die beim „Paneuropäischen Picknick“ in Sopron und bei der anschließenden Massenflucht über die ungarische Grenze dabei waren, um nur einige Stationen dieses Parcours zu nennen.

Ein Weg, der wirklich kein Triumphmarsch ist. Zwar erscheint die Zone rund um das dreifach aufgefächerte Brandenburger Tor mit dem unvermeidlichen Trabi und den bemalten Mauersegmenten, mit dem Staatsratsbeschluss zum Beitritt und dem Vertrag zur Deutschen Einheit symbol- und klischeebefrachtet, auch weihevoll staatstragend. Doch einige Schritte weiter bekommt man eine Ahnung vom holprigen Weg der Einheit, von gebrochenen Biografien, zerstörten Existenzen, von aufkeimendem Rechtsradikalismus und dem Gefühl einiger, abgehängt worden zu sein.

Klare Bilder, abgespeckte Präsentation

Die neue Dauerausstellung sorgt durch klare Bilder und eine abgespeckte Präsentation, durch kluge Grafiken, Erklärstücke und emotionale Zeitzeugenberichte für Orientierung, bietet aber keine einfachen Lösungen an. Die Welt, in der Deutschland agiert, ist hochkomplex, steckt voller Widersprüche. Die Schau listet sie auf: Da ist die Sehnsucht nach Sicherheit und die Angst vor dem Überwachungsstaat, da sind die Zeitzeugen Almaz Ahmed und Mouhamad Mamo, die herzzerreißend von ihrer Flucht aus Syrien berichten, Zeichen für eine ermüdende Willkommenskultur und die Demo „Patriotischer Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Bunt und heiter demonstriert das „Sommermärchen“ von 2006, dass Nationalstolz sich auch weit weniger dumpf artikulieren kann.

Das Finale dieser Dauerausstellung wühlt auf: Kein einziges Thema können wir da als abgeschlossen betrachten, jedes einzelne wird uns noch Jahre und Jahrzehnte beschäftigen. Labile Finanzsysteme in einer global entfesselten, von Wirtschaftsinteressen getriebenen Welt, ein Europa mit einer großen Geschichte und gegenwärtigen Erosionserscheinungen, der durch einen verschmorten Stahlträger aus dem World-Trade-Center symbolisierte Terror und die Karte der Auslandseinsätze der Bundeswehr prägen das Finale. Kardinal Woelkis Flüchtlingsboot ragt aus der Ausstellung hinaus. Das Thema wird uns nicht loslassen.

7000 Exponate wurden im Zuge der Dachsanierung aus- und wieder eingeräumt. Es hat sich vieles verändert. Mit dem neuen Ende im Sinn, sieht man auch die Anfänge im Haus der Geschichte mit anderen Augen. Das ist spannend.