Chef des Musikrats

Stefan Piendl holt "Jugend musiziert" nach Bonn

Stefan Piendl in seinem Büro im Bonner Haus der Kultur in der Weberstraße.

Stefan Piendl in seinem Büro im Bonner Haus der Kultur in der Weberstraße.

Bonn. Kulturmanager Stefan Piendl hat vor einem Jahr die Stelle als Alleingeschäftsführer des Deutschen Musikrats (DMR) angetreten. Seitdem hat er bereits einige Projekte auch für Bonn angestoßen. Ein Porträt.

Stefan Piendl hat das Gefühl, angekommen zu sein. Das Team ist eingespielt, die Stimmung gut, sagt der 54-Jährige. Vor ziemlich genau einem Jahr bezog der Kulturmanager sein neues Büro im Haus der Kultur in der Bonner Südstadt. Er trat damals als Nachfolger der beiden Geschäftsführer Benedikt Holtbernd und Norbert Pietrangeli die Stelle des Alleingeschäftsführers des Deutschen Musikrats (DMR) an. „Ich finde, dass ein gutes Team eine ganz wesentliche Voraussetzung dafür ist, wenn man Dinge weiterentwickeln möchte.“

Was das angeht, hat der neue Geschäftsführer bereits einiges in die Wege geleitet. Im April erst hatte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) während der Feierlichkeiten zum 50. Geburtstag des Bundesjugendorchesters im Leipziger Gewandhaus die Neugründung eines Bundesjugendchores verkündet. Der wird im kommenden Jahr das Förderangebot des Deutschen Musikrats für hochtalentierte junge Musiker ergänzen. Ähnlich wie beim Bundesjugendorchester oder dem Bundesjazzorchester (BuJazzO), die ebenfalls unter der Flagge des DMR fahren, werden nach einem Vorsingen in Arbeitsphasen Stücke einstudiert, die dann auf Konzertreisen dem Publikum in Deutschland und darüber hinaus präsentiert werden. Der Bundesjugendchor wird seine Grundfinanzierung aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) erhalten.

Eine für Bonn und den DMR nicht weniger spannende Neuerung wird der Umzug der Bundesgeschäftsstelle des Musikwettbewerbs „Jugend musiziert“ von München an den Rhein sein. Der erscheint Piendl aus unterschiedlichen Gründen geboten: „Das hat viel damit zu tun, dass es sehr schade ist, wenn zehn Kollegen 600 Kilometer weit weg sind. Es ist ein Unterschied, ob man sich täglich im Team begegnet oder jedes Mal erst eine lange Zugfahrt in Kauf nehmen muss. Ich möchte nicht, dass die Kollegen in München abgekoppelt bleiben.“

Ein Unternehmen, ein Standort

Der Zeitpunkt erscheint Piendl gegenwärtig günstig, da ein altersbedingter Wechsel in der Projektleitung des Wettbewerbs unmittelbar bevorsteht. Natürlich spielten auch die extrem hohen Münchner Mietkosten eine Rolle. „Da reden wir über rund 100 000 Euro im Jahr.“ Zugleich betont er aber auch, dass diese Kosten nicht den Ausschlag gegeben hätten. Vielmehr sei der geplante Umzug Ergebnis längerfristiger Überlegungen. Unter der Devise: „Ein Unternehmen, ein Standort“ gehe es um die richtigen Weichenstellungen für die nächsten zehn bis 20 Jahre. Er hofft sehr, dass die zehn in München beschäftigten Mitarbeiter den Umzug nach Bonn mitmachen.

Für die Europäische Musikbörse, die vom DMR vor einigen Jahren als Spezialsuchmaschine für Musiker eingerichtet wurde, sah Piendl keine Zukunft mehr. „Das war damals bei der Gründung eine Pioniertat, aber da sind die Möglichkeiten der sozialen Medien heute so weit entwickelt, dass sich unser Angebot überdauert hat.“ Deshalb sei sie im vergangenen Jahr eingestellt worden.

Wenn der DMR mit seinen insgesamt 50 Kulturarbeitsplätzen dann noch stärker in Bonn vertreten sein wird als bisher, soll auch die Sichtbarkeit weiter erhöht werden. Da bietet natürlich das kommende Jubiläumsjahr zu Beethovens 250. Geburtstag eine gute Möglichkeit, Werbung in eigener Sache zu machen. Zum Beispiel mit dem Deutschen Musikwettbewerb, der in Bonn ausgetragen wird, aber auch mit dem Deutschen Orchesterwettbewerb, der im Mai 2020 nach Piendls Schätzung „vier- bis fünftausend Teilnehmer“ nach Bonn bringen wird. Außerdem plane das Musikinformationszentrum (MIZ) des DMR in Bonn eine Tagung mit seinen internationalen Partnern. Und natürlich wird es mehrere Konzerte mit dem BuJazzO und dem Bundesjugendorchester geben.

Für den Musikmanager Piendl ist die neue Position in Bonn ein Glücksfall. Die Strukturen des als Verein geführten DMR kennt er bestens, war viele Jahre als ehrenamtliches Mitglied im Präsidium des Deutschen Musikrates tätig, er wirkte im Aufsichtsrat der Projektgesellschaft sowie als Beiratsvorsitzender des Bundesjugendorchesters mit Leidenschaft für Musik und für die Förderung des musikalischen Nachwuchses. Er hat in führenden Positionen bei den Klassik-Labels EMI, Sony und BMG gearbeitet, zuletzt war er als Leiter Kommunikation SWR Classic tätig.

Auch als Buchautor ist Piendl hervorgetreten. Zusammen mit Michael Kaufmann verfasste er das Buch „Das Wunder von Caracas – Wie José Antonio Abreu und El Sistema die Welt begeistern“. Dass diese Musikinitiative durch die politischen Wirren im Land zu zerfallen droht, empfindet er als echtes Trauerspiel.