Pläne zur Opern-Fusion

Stefan Blunier kritisiert Nimptschs Essay: "Man fühlt sich wie ein ungeliebtes Kind"

Unbeschwert ist Stefan Blunier zurzeit nur als Dirigent.

18.05.2012 Bonn. Generalmusikdirektor sieht in der Idee des Oberbürgermeister einer Köln-Bonner Opernfusion vor allem eine Stimmungsmache gegen die Kultur. In einer Pause zwischen den CD-Aufnahmen zum Adagio aus Gustav Mahlers zehnter Sinfonie redete der Schweizer über die aktuelle, von Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch entfachte Diskussion um eine Fusion der Opernhäuser von Köln und Bonn.

Der Himmel über Bonn illustriert ziemlich passend die Atmosphäre, in der sich die Bonner Kultur in der Wahrnehmung von Generalmusikdirektor Stefan Blunier derzeit befindet: Kalt, grau, mit wenig Lichtblicken.

Beinahe lässig im Schneidersitz auf einem der Stühle im engen Dirigentenzimmer der Beethovenhalle hockend, lässt er Worte fallen, die in ziemlichem Gegensatz zu seiner entspannten Körperhaltung stehen: "Unsäglich" sei das Vorgehen des Oberbürgermeisters, "dilettierend", an einer Stelle im Laufe eines gut dreiviertelstündigen Gespräches fällt sogar das Wort von der "Volksaufhetzung".

In Rage bringt den sonst so besonnenen Musiker, "wie uns Kulturschaffenden hineingegrätscht wird". Auf der einen Seite gebe es die Runden Tische, in denen sich Experten über die Zukunft und die Finanzierbarkeit der Bonner Kultur ernsthaft Gedanken machten und Lösungswege erarbeiteten. Auf der anderen Seite würden diese Bemühungen nun torpediert durch die Vorschläge des Oberbürgermeisters.

Er kritisiert das Stadtoberhaupt, "weil es mit uns nicht abgesprochen wurde, die wir uns um solche Lösungen ja auch bemühen." Er halte das Vorgehen für "wahnsinnig gefährlich". Denn auf diese Weise werde eine Institution, die auf eine Auslastung von 90 Prozent verweisen könne, schlecht geredet. "Man fühlt sich da immer ein wenig wie ein ungeliebtes Kind."

Die in Nimptschs Essay "Wider den Kulturinfarkt" entwickelte Idee einer Opernfusion mit Köln hält Blunier aus vielen Gründen für einen wenig realistischen Weg, Ausgaben zu reduzieren. "Bisher sind doch alle Versuche auf diesem Gebiet gescheitert", sagte Blunier. "Das wird überhaupt nicht billiger, wenn, dann nur marginal."

Im Falle von Köln und Bonn käme hinzu, dass es ein extrem unterschiedliches Publikum gebe und die Häuser selbst sehr unterschiedliche ästhetischen Konzepte verfolgten. Zudem wäre eine Fusion, wenn sie jetzt eingeleitet würde, erst in sechs bis acht Jahren umsetzbar. Außerdem sei Köln derzeit auch gar nicht interessiert an einer Theaterehe mit Bonn. Kooperationen einzelner Produktionen, wie Bonn es gerade mit der Wiener Volksoper Wien oder der Oper in Metz realisiert habe, hält er hingegen für effektiv und erstrebenswert.

Irritiert zeigte sich Blunier auch wegen des Widerspruchs zwischen der realen Personalpolitik und der kulturpolitischen Vision des Oberbürgermeisters. Einerseits werde mit Bernhard Helmich ein ausgewiesener Opernmann als Generalintendant und Nachfolger Klaus Weises verpflichtet, auf der anderen Seite aber die Existenzberechtigung des Hauses infrage gestellt.

Was ihn aber noch mehr "erbost" als die Inhalte, ist die Aggressivität, mit der man sich gegen die Kultur wende. "Ich bin schockiert, dass auch von kluger Seite her - und damit meine ich nicht nur Herrn Nimptsch - in dieses Horn gestoßen wird. Wahrscheinlich müssten sie ihre Aussagen sofort revidieren, wenn fundiert untersucht würde, welche Einsparpotenziale da vorhanden sind." Die Politik müsse da dialogbereiter sein. "Es handelt sich ja schließlich auch um Arbeitsplätze."

Blunier findet auch Nimptschs mehrfach öffentlich wiederholte Äußerung wenig hilfreich, er könne es nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren, in die Oper zu gehen, wenn jeder Sitz mit 150 Euro subventioniert sei. Schließlich würden auch der öffentlicher Nahverkehr, Schulen oder auch die Biobauern von öffentlichen Zuwendungen profitieren. (Bernhard Hartmann)