Vor der Premiere

So will David Pountney Verdi inszenieren

Bonn. Der britische Regisseur und Sopranistin Anna Princeva über die Oper „Sizilianische Vesper“, die ab Samstag im Bonner Opernhaus zu sehen ist.

Wer im 19. Jahrhundert in Paris eine Grand Opéra besuchte, durfte erwarten, für das Geld, das er ins Billet investiert hatte, etwas Spektakuläres zu erleben. Geboten wurden gerne große historische Stoffe in aufwendig geschneiderten Kostümen. Die Ausstatter mussten ihre Fantasie nicht durch schmale Budgets zügeln, konnten die Bühnenmaschinerie auf Hochtouren arbeiten lassen, nicht selten trotteten gar echte Pferde über die Bühne. Der wichtigste Vertreter dieser speziellen Pariser Spielart des Operngenres war zwar Giacomo Meyerbeer, doch auch Giuseppe Verdi versuchte sich mehrfach darin: Am Samstag feiert in Bonn „Les vêpres siciliennes“ Premiere, eine Oper, die im Deutschen unter dem Titel „Die sizilianische Vesper“ bekannt ist. Die Handlung spielt rund um das unter diesem Namen bekannte Massaker, das in Palermo um Ostern des Jahres 1282 von der einheimischen Bevölkerung an den französischen Besatzern unter Karl I. verübt wurde.

Der britische Regisseur David Pountney hat sich sehr genau mit dem Stil der Grand Opéra auseinandergesetzt – um in Bonn doch (fast) alles ganz anders zu machen. Statt eine große Ausstattungsschlacht auf die Bühne zu bringen, arbeitete er zusammen mit Bühnenbildner Raimund Bauer und Kostümbildnerin Marie-Jeanne Lecca an einer eher Shakespeare'schen abstrakten Raumlösung. „Wir haben das eine 'Verdi-Maschine' genannt“, verrät Pountney über den Raum, der sich mit Schiebeelementen sehr variabel gestalten lässt. Diese Verdi-Maschine wird sozusagen das verbindende Glied zwischen den drei Opern aus der mittleren Schaffenszeit Verdis, die Pountney zusammen mit dem Dirigenten Will Humburg in Bonn als Koproduktion mit der Welsh National Opera, Cardiff, inszenieren wird. Dort ist der frühere Bregenz-Chef heute selbst Intendant.

Und getanzt wird auch

Pountney, der von der Bonner Produktion von Verdis ebenfalls für die Pariser Grand Opéra komponierten „Jérusalem“ ganz begeistert war, betont, dass sich der französische Stil nicht nur auf die formale Struktur des fünfaktigen Werks beschränkt: „Auch die Farbe der Musik ist französisch.“ Auf der einen Seite will Pountney durchaus einen Gegenentwurf zur historischen Grand Opéra anbieten, andererseits jedoch hält er aus tiefster Überzeugung an den typischen Strukturen fest, wozu auch die Einfügung eines Balletts zählte. „Bei Aufführungen wird das oft gestrichen“, sagt Pountney. „Aber es war ein integraler Bestandteil des Stücks. Das Publikum sollte erkennen, dass dieses Stück einen ganz anderen Rhythmus hat als die 'Traviata' oder'Rigoletto'. Aber das wird dieses Stück nie liefern.“ Um das Ballett auch inhaltlich zu integrieren, bedient Pountney sich eines dramaturgischen Kniffs, indem er die lange Tanzeinlage „Die Jahreszeiten“ einfach umdeutet. „Wir erzählen hier die Geschichte einer 'unsichtbaren Frau', die aber immer irgenwie im Stück präsent ist – die Mutter von Henri.“

Verdi und seine Textautoren Eugène Scribe und Charles Duveyrier pflanzen in die historischen Vorgänge der sizilianischen Vesper die Geschichte des Widerstandskämpfer Henri und der von ihn angebeteten Herzogin Hélène hinein. Deren Bruder wurde vom französischen Gouverneur getötet, so dass Hélène die Erwiderung seiner Liebe an eine Bedingung knüpft: Er soll den Tod ihres Bruders rächen. Als Zeichen des Friedens setzt der Gouverneur die Eheschließung zwischen Hélène und Henri an. Doch die Hochzeitsglocken dienen als Signal für das Gemetzel an den Franzosen.

Die Hélène singt in Bonn die aus Sankt Petersburg stammende Sopranistin Anna Princeva, die nach zahlreichen gefeierten Auftritten im Bonner Haus – unter anderem als Hélène in „Jerusalem“, als Elsa in „Lohengrin“ und Teresa in Berlioz' „Benvenuto Cellini“ – sich ab der nächsten Saison als Ensemblemitglied fest an Bonn binden wird. „Es ist eine Rolle, bei der es mir zum ersten Mal so ergeht, dass ich sie lange nicht verstanden habe“, sagt sie. „Sie ist sehr kompliziert.“ Man müsse sich da die Frage stellen, ob die Liebe zu Henri echt sei, oder ob er nicht doch „ein Instrument für ihre Rache“, sei. „Sie ist politisch sehr wach und hat eine sehr klare Ideen davon, welche Strategien sie einsetzt, um zu bekommen, was sie will.“ Man müsse in dem politischen Konflikt auch bedenken, dass sie eine österreichische Prinzessin sei, auch wenn sie die ganze Zeit von „ihrem Land“ und „ihrem Volk“ spreche. „Doch was sie wirklich bewegt, ist die Rache für ihren Bruder, der von Montfort getötet wurde. Am Ende kann sie Henri nicht heiraten, weil er der Sohn des Mannes ist, der ihren Bruder getötet hat.“ In dieser Frau, findet Princeva, sei „richtig Feuer“: Liebe, Reue, Rache. Die Komplexität dieser Figur hinterlässt auch musikalisch Spuren. „Es ist alles gespiegelt in der Musik.“

Premiere am Samstag, 25. Mai, 19.30 Uhr, im Bonner Opernhaus. Karten gibt es bei in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen und bei bonnticket.de.