Schlager und Schläge

So ist das Theaterstück "Schlafende Hunde" in Bonn

In einem früheren Leben machten sie als Claudia und Frank Fuller Furore: Szene mit Birte Schrein und Klaus Schweizer.

In einem früheren Leben machten sie als Claudia und Frank Fuller Furore: Szene mit Birte Schrein und Klaus Schweizer.

BONN. Lothar Kittsteins Stück „Schlafende Hunde“ in der Bonner Werkstatt erzählt davon, was die Zeit mit den Menschen macht – und wie Schlager wirken. Eine Theaterkritik.

Diese Nacht darf niemals enden“, hat G. G. Anderson, einer der großen Beziehungsphilosphen des deutschen Schlagers, gesungen: „Denn ein Wunder ist gescheh'n / Nie hab ich den Blick der Liebe / Schöner als bei Dir geseh'n.“ Das Stück „Schlafende Hunde“ von Lothar Kittstein in der Werkstatt dauert 110 Minuten, aber man hätte es noch viel länger genießen wollen. Das geht, und zwar akustisch. Passend zum Stück über den Comeback-Versuch des ehemaligen Schlagerduos Claudia und der fulminante Frank erhält der Besucher eine CD („Am Strand der Sehnsucht“) mit den größten Hits.

Birte Schrein (Claudia), Klaus Schweizer (Frank) und Manuel Zschunke (Claudias Sohn Dennis) arbeiten sich an genretypischen Texten und Melodien ab à la: „Die Ewigkeit geht nie vorbei / Die Ewigkeit kriegst du nicht klein / Eine Stunde, fünf Minuten oder zwei / Das ist die Ewigkeit, die Hölle, ohne dich, allein.“

Das Schöne ist: Der Bonner Dramatiker Lothar Kittstein, der Regisseur Stefan Rogge und das Ensemble machen sich nicht lustig über den deutschen Schlager, erheben sich nicht über die auftretenden Figuren, mögen sie auch wie Frank Fuller in einem mörderisch hässlichen Anzug aussehen wie ein Elvis für Arme. Das von einem großmäuligen und windigen Agenten (Alois Reinhardt als Danni) angestrengte Comeback ist der Rahmen, innerhalb dessen das Stück untersucht, was die Zeit mit den Menschen macht.

Malte Lübbens Bühne spiegelt soziale Tristesse: mit leeren Chipstüten, Bierflaschen, Zigarettenschachteln und vergilbten Tapeten. Frank und Danni versuchen, eine Brücke zu bauen zwischen gestern und heute, auf der sich das Duo wiedervereinen könnte. Doch Claudia nimmt dem ehemaligen Sangespartner und Lover Frank übel, dass er einst den klassischen Schlager-Eid „Wir werden niemals auseinandergeh'n“ gebrochen hat.

Die Kommunikation zwischen Claudia und Frank beinhaltet Schlager und Schläge, gefühlige Reminiszenzen und verbale Breitseiten. Der Ton, der hier die Musik macht, klingt mal vulgär und mal poetisch. Kittsteins dramatische Komposition besitzt mehrere Schichten und Stilebenen. Die Figuren können in suggestiven Bildern sprechen oder verletzende Flüche abfeuern.

Risse im rhetorischen Panzer

Birte Schrein gibt eine künstlich erblondete, alternde Diva, die wie eine Schlange auf Fehler und Schwachstellen der anderen lauert; dann beißt sie zu. Frank Schweizer ist ein Loser mit Illusionen und latenter Gewaltbereitschaft. Zwischen beiden bewegt sich Manuel Zschunke auf leisen Sohlen: ein frühzeitig erschlaffter junger Mann mit Potenzial, aber ohne Ehrgeiz und Biss.

Das genaue Gegenteil verkörpert Alois Reinhardts Danni, dessen Hände ein ums andere Mal übergriffig in Franks Schritt landen. Danni glaubt daran, mit Schlagernostalgie in den unübersichtlichen Zeiten der Globalisierung Geld zu verdienen: „Altes Zeug, das ist der neue heiße Scheiß. Mehr wert als Diamanten. Die Erinnerung.“ Reinhardt deutet aber Risse im rhetorischen Panzer an: Verbirgt die große Klappe verdrängte Ängste?

Die Uraufführungsinszenierung Stefan Rogges lässt sich jenseits der schrillen Oberfläche auf Menschen ein. Unter all ihren Deformationen entdeckt man in den Figuren – wie in Schlagertexten auch – exemplarische Verhaltensweisen und Gefühle. Und Sehnsüchte, die über die leitmotivische Frage „Haben Sie 'ne Zigarette?“ hinausgehen.

„Also: Wer die Menschen kennenlernen will, muss Schlager hören“, wird Rainer Moritz im Programmheft zitiert. Moritz ist geistreicher Autor des Reclam-Bandes „Schlager“. In der ablaufenden Saison stehen Kittsteins „Schlafende Hunde“ nur noch vier Mal auf dem Spielplan. Schon wahr, die Ewigkeit geht nie vorbei, die Ewigkeit kriegst du nicht klein. Aber die Spielzeit 2017/18 hat objektiv ein Ende. Also unbedingt Karten bestellen. Es lohnt.

Die nächsten Aufführungen: 9., 13., 21. und 26. Juni. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.