Buchvorstellung

Selbstversuch mit der Hitlerbibel

Ein Buch als Debatten-Thema: (von links) Der Germanist Helmuth Kiesel, die Historiker Christian Hartmann und Andreas Wirsching sowie Hans Walter Hütter, Präsident des Hauses der Geschichte.

Ein Buch als Debatten-Thema: (von links) Der Germanist Helmuth Kiesel, die Historiker Christian Hartmann und Andreas Wirsching sowie Hans Walter Hütter, Präsident des Hauses der Geschichte.

28.01.2016 BONN. Spannende und informative Vorstellung der spektakulären wissenschaftlichen Edition von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ im Bonner Haus der Geschichte

Zwischen „mit Faszination gelesen“ und „für mich hat es immer etwas Quälendes gehabt“, spannt sich das Erfahrungsbild derer, die sich beruflich mit Adolf Hitlers „Mein Kampf“ befassen mussten. Der Heidelberger Germanist Helmuth Kiesel etwa las das Werk, das vor dem Hintergrund der Weltanschauungs-Literatur der 20er Jahre „nicht so schlecht ist, wie es dargestellt wird“. „Wir müssen manchmal auch Texte lesen, die uns zuwider sind“, sagte er zu seinem „Selbstversuch“ mit Hitlers Schrift. Eine „empathische Lektüre der Hitlerbibel“, sei nun aber durch die erläuternde, kritische Edition nicht mehr möglich, versuchte der Literaturexperte die Podiumsteilnehmer im Haus der Geschichte zum Widerspruch zu reizen. Spätestens seit seinem unvergessenen, spritzigen Vortrag zu Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ im Haus der Geschichte, schätzt man Kiesels messerscharfen Attacken.

Der Historiker Christian Hartmann, Herausgeber der Edition von „Mein Kampf“, freute sich über Kiesels Kompliment einer „toll gemachten, radikalen Dekonstruktion der Hitlerbibel“, ließ sich aber nicht von der germanistischen Faszination anstecken. Auch Andreas Wirsching, Chef des Instituts für Zeitgeschichte, das die kritische Edition herausgebracht hat, blieb cool, betonte die Notwendigkeit der Edition. 70 Jahre nach dem Freiwerden der Urheberrechte „wäre es unverantwortlich gewesen, diesen Text unkommentiert vagabundieren zu lassen“.

Um diesen Text und dessen Edition drehte sich alles bei einer spannenden und sehr informativen, vom Präsidenten der Stiftung Haus der Geschichte, Hans Walter Hütter, moderierten Runde vor vollem Haus. Nicht nur der 300 Zuhörer fassende Vortragssaal war bis auf den letzten Platz besetzt, auch das Foyer war mit vielen Besuchern gefüllt, die die Diskussion über Monitore verfolgten.

Wirsching sprach von einem wahren „Hitler-Boom“, der sich schon am 8. Januar manifestiert habe, als die Edition der internationalen Presse vorgestellt wurde. Warum das Echo so riesig war, und man bereits bei der dritten Auflage des 2000 Seiten umfassenden Doppelbandes ist, erklärte er mit:„Es ist eine zentrale Quelle über das 'Dritte Reich', die bis dato nicht kritisch erschlossen war.“ Hartmann: „Wir haben nicht mit dieser Resonanz gerechnet.“ Ein Grund: „Es ist ein Buch, das noch immer in vielen Familien vorhanden ist.“

Hütter lenkte das Gespräch geschickt auf die politische Ebene, hatte der bayerische Freistaat als Inhaber der Urheberrechte doch nicht nur einmal versucht, eine kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ zu verhindern. Wirsching erzählte, wie sein Vorgänger im Institut, der Historiker Horst Möller, seit den 90er Jahren vergeblich versucht hatte, eine kritische Edition herauszubringen. Erst 2012, drei Jahre vor Ablauf des Urheberrechts, „kam Schwung in die Sache“, erinnerte Wirsching. Und bald waren die Bremser am Werk: Während das Institut auf der Ebene der Ministerialbürokratie unterstützt wurde, habe die Staatskanzlei 2013 das Editionsprojekt zu stoppen versucht. Man könne doch keinen NPD-Verbotsantrag stellen und gleichzeitig eine Edition von „Mein Kampf“ mit dem bayerischen Staatswappen darauf herausgeben, lautete Horst Seehofers Linie. „Es war nie die Rede davon“, sagte Wirsching, „wir sind ein selbstständiges Institut und keine nachgeordnete Behörde des Freistaats“. Bei der Vorstellung der Edition in München glänzte die Regierung durch Abwesenheit.

Zu den Hintergründen der Neuausgabe erklärte Hartmann, man habe sich für eine „Edition mit Standpunkt entschieden, für ein subjektives Verfahren“. Man könne „Mein Kampf“ nicht wie einen Hölderlin-Text edieren, sagte er, „unser Standpunkt ist ein Standpunkt mit permanenter Widerrede“. Wirsching ergänzte: „Ein wertneutrales Verstehensprinzip kann nicht unser Modus sein“, ja zur historischen Methode, „aber auch eine klare kritische Distanzierung“. Dieser Ansatz macht die Edition so lesenswert. Schlägt man das Buch auf, befindet sich auf der rechten Seite jeweils eine Seite von Hitlers Originaltext, begleitet von Notizen zu Abweichungen in den verschiedenen Auflagen. Unter dem Text und auf der linken Seite liest man exzellent geschriebene Aufsätze zu Stichworten oder Inhalten aus dem Text. Ein sehr detailliertes Register erschließt Originaltext und Beitexte. Äußerst lesenswert ist die Einleitung.

„Mein Kampf war nie das 'Buch der Deutschen'“, als das es immer wieder bezeichnet worden sei, erklärte Hartmann, nur 20 Prozent der Bevölkerung haben das Buch (Auflage: Zwölf Millionen) zum Teil gelesen, nur fünf bis sieben Prozent ganz. Die wissenschaftliche Ausbeute der Edition sei angesichts des gründlich erforschten „Dritten Reichs“ überschaubar. Hitlers Biografie müsse nicht neu geschrieben werden, räumten der Herausgeber und der Institutschef ein. Gleichwohl sprechen sie von „Akzentverschiebungen“. So sei die Figur Hitler bedeutsamer fürs System des „Dritten Reichs“, als von vielen Historikern angenommen, „Mein Kampf“ untermauere Hitlers „Anspruch des Alleswissers als Führer“.

Hitler, Mein Kampf – eine kritische Edition. Institut für Zeitgeschichte. 2 Bände, 1966 S., 59 Euro (Thomas Kliemann)