Ausstellung im Kunstmuseum Bonn

Sehen, wie das Leben tickt

Das Kunstmuseum Bonn widmet sich mit „EchtZEIT“ der Kunst der Langsamkeit. 31 Künstler kreisen um das Phänomen Zeit, die Beschwörung des Moments und das absolute Chaos

Der Mann weiß, was er getan hat. Sein Protokoll vom 10. Februar 2015 verzeichnet Arbeitsphasen zwischen 8.15 und 9.15 Uhr, 9.45 und 10.45 Uhr, 11.35 und 12.35 Uhr sowie 14.40 und 15.40 Uhr, dann ging der Künstler Jens Risch in den wohlverdienten Feierabend. Was er die ganze Zeit getan hat? Das verrät der Titel des Protokolls: „Knotennotizen“. Und neben dem zwölf Seiten umfassenden Tätigkeitsbericht liegen in Vitrinen zwei kleine korallenartige Gebilde, das eine ist eine in Jahren zusammengeknotete Knolle aus einem Kilometer Hanfgarn, das andere entsprechend hergestellt aus Seidenfäden.

Wir befinden uns hier in der Kunstmuseums-Schau „EchtZEIT. Die Kunst der Langsamkeit“, genauer: in der Abteilung für konzeptuelle Fleißarbeit, dort, wo die Obsessiven, die Manisch-Meditativen ihre Etüden über die Zeit absolvierten. Passend dazu ist der Raum klinisch weiß gehalten, es geht dort um das allmähliche Verlöschen endloser Zahlenkolumnen (Roman Opalka), um Menschen, die täglich in einem Ritual Messer schärfen, damit Stifte spitzen und mit denen freihändig kariertes Papier herstellen (Jürgen Krause). Es sind Zeitgenossen, die drei Jahre lang insgesamt 10 258 743 Sandkörner in ein Glas füllen lassen (Jochem Hendricks) oder jeden Tag zur gleichen Stunde das gleiche Glas Wasser in Öl auf Leinwand malen (Peter Dreher).

Den Ausstellungsbesucher fröstelt etwas in diesem Umfeld der akribischen Chronisten und besessenen Dokumentare. Was hätte man nicht alles, Netteres mit seiner Zeit anstellen können, statt Fäden zu knoten und Karos zu stricheln. Doch darum geht es nicht: Zeiterfassung geht hier vor Zeitvergeudung.

Kunstmuseums-Intendant Stephan Berg und der Kurator Volker Adolphs haben 31 Künstler eingeladen, um das eminent flüchtige wie dominante Thema Zeit zu beleuchten, dieses unübersehbare Feld. Es liegt auf der einen Seite zwischen der Taktung unseres Lebens und Vermessung unseres Daseins durch die gnadenlose Zeit. Auf der anderen Seite gibt es da Strategien, dieses Diktat fantasievoll zu unterlaufen. Was sind die hilflose Beschwörung des Moments und der fromme Wunsch nach einer gesamtgesellschaftlichen Entschleunigung anderes, als der zum Scheitern verurteilte Versuch, sich dem brutalen Metronom des Lebens zu entziehen?

Diese Künstler kalkulieren das Scheitern ein, haben den Mut, die Utopie zu formulieren und den Widersprüchen Gestalt zu geben. Wo bleibt etwa der Zeitbegriff, wenn man im Stau steht? David Claerbout widmet sich diesem Stillstand der Mobilität mit stillen, geradezu poetischen Schwarz-Weiß-Bildern einer Stausituation, Porträts von Rettungskräften, Rückblenden, Erinnerungssplittern aus den 1930er/40er Jahren. Man erfährt nicht, was los ist, nur, dass die Zeit angehalten wurde.

Bei Hiroshi Sugimotos fotografierten Dioramen mit Eisbären und Affen aus dem New Yorker Naturkundemuseum wird die Zeit gleichsam eingefroren und wirkt plötzlich künstlich. Auch Martin Honert meißelt aus dem Kontinuum der Zeit einen Augenblick heraus: Der kleine Junge an dem zu großen Tisch mitten im zentralen Ausstellungsraum ist der sechsjährige Martin aus einem alten Familienfoto. Der Künstler hat sein Kinder-Ich aus der Vergangenheit in die Gegenwart und dritte Dimension gezoomt. Die Verlorenheit im Blick des Knaben entspricht dem längst vergessenen Augenblick der Vergangenheit.

Charlie Chaplins Fließbandszene aus „Moderne Zeiten“ (1936) und der am Uhrzeiger hängende Harold Lloyd aus „Safety First“ (1923) sind die einleitenden Stichworte dieser sehr anregenden Zeit-Ausstellung. Die fesselt bis zum letzten Raum. Beginnend mit Ben Vautier, der vor der Zeitfalle warnt und mit Kinderschrift pinselt: „Zeit ist stärker als Kunst“, sowie Bettina Pousttchi, die uns weismachen will, dass es in Mexico City, Bangkok und Hongkong gleichzeitig fünf vor zwei ist. Im letzten Raum umkreist die Kamera von Marijke van Warmerdam ein an einer Flussidylle sitzendes Seniorenpaar. Die schönen Bilder einer traumartigen Wirklichkeit werden kontrastiert von unscharfen, diffusen Momenten als Metapher für das Verblassen von Erinnerungen.

Zeit erscheint als nicht greifbares Phänomen. Ähnlich wie in Roman Signers Video. Dort starten gleichzeitig 56 kleine in ordentlicher Formation geparkte Hubschrauber. Nach Sekunden schon geht die Ordnung flöten, nach drei Minuten ist das Chaos perfekt.

Kunstmuseum Bonn; bis 4. September. Di-So 11-18, Mi 11-21 Uhr. Katalog 30 Euro. Eröffnung: Mittwoch, 8. Juni, 20 Uhr