Neue Ausstellung

Schirin Kretschmanns Traum in Weiß

Bonn. Die Künstlerin Schirin Kretschmann verzaubert das Galeriehaus von Gisela Clement mit Alabastergips.

Galeristin Gisela Clement hat ein Händchen dafür, die wunderbare Architektur des Galeriehauses, gebaut von ihrem Bruder Uwe Schröder, immer wieder in Szene zu setzen. Wiederholt zeigte sie künstlerische Positionen, die sich an diesem Bau abarbeiteten, ihn fragmentierten, ihm mit der Flex zusetzten. Dabei war es stets spannend, wie heftig mitunter Künstler reagieren.

Schirin Kretschmann, die sich unter dem Titel „Toter Winkel“ das Galeriehaus an der Lotharstraße vorgenommen hat, geht bei ihrer gründlichen Intervention teils historisch, teils analytisch vor. Die Historie des Ortes wird etwa in „Inside Out“ zum Thema: Nägel markieren die nur unvollständig behobenen Verletzungen der Wand, kaum wahrnehmbare Spuren vergangener Präsentationen. Kretschmann betreibt eine Art Ausstellungsarchäologie und leistet Erinnerungsarbeit, indem sie frühere Konstellationen wachruft. Nicht weniger gründlich ist „Floor Work“, eine Arbeit, die sich dem Boden widmet. Papiere wurden zwischen die Reinigungswerkzeuge und die Bodenfläche gelegt, eingerissen, durchgerieben, verknickt. Als Protokoll einer Reinigung oder Spurenbeseitigung hängen die grau in grauen Blätter in einem kleinen Stapel an der Wand.

Die in Berlin lebende Germanistin und Künstlerin – Studium unter anderem bei Leni Hoffmann, was man ihrem raumbezogenen Arbeiten anmerkt –, geht mit dem Hauptwerk ihrer Ausstellung bei Clement direkt auf Raumstruktur und -details ein. Im Gespräch erzählt sie, als wie dominant sie die hohen Sockelleisten, aber auch zum Teil den Boden empfindet.

Der White Cube wird zum Kunstwerk

Ihre Strategie ist es, die Architektur gewissermaßen zu destabilisieren, indem sie die Raumgrenzen infrage stellt. Sie dreht riesige Quadrate aus Alabastergipsstaub, den sie hauchfein mit dem Sieb auf den Boden gestreut hat, gegen die Raumachse. Das nicht fixierte Gipsfeld entzieht sich mit seiner staubigen, vergänglichen Materialität den Gesetzen der Architektur, und es ignoriert den vorgegebenen Grundriss. Auch die Systematik der Architektur – Wand ist weiß und vertikal, Boden braun und horizontal – wird durch das verschobene Gipsfeld auf dem Boden auf den Kopf gestellt. Der Blick in diese lichtdurchfluteten Räume ist ein Traum in Weiß, die Helligkeit ist immens, überall werden die Strahlen reflektiert, Boden und Wände wirken immateriell. Der White Cube wird zum Kunstwerk.

Faszinierend auch die Fragilität von Kretschmanns „Totem Winkel“. Ein Luftzug, ein falscher Schritt, und der Traum wäre vorbei.

Galerie Gisela Clement, Lotharstraße 104; bis 30. August. Mi-Fr 14- 18, Sa 13-17 Uhr und nach Vereinbarung.