Beethovenfest: Younee in der Harmonie

Rockender Rebell Beethoven

„So viel Energy“: Younee – hier bei ihrem Auftritt in der Harmonie – liebt Beethoven und den Jazz.

„So viel Energy“: Younee – hier bei ihrem Auftritt in der Harmonie – liebt Beethoven und den Jazz.

Bonn. Die südkoreanische Pianistin Younee schlägt in der Bonner Harmonie im Rahmen des Beethovenfests einen Bogen von der Klassik zu Jazz, Pop und Rock. Begeisternde Hommage an Beethoven.

Wie kommt man von Rachmaninow über Rockmusik zur deutschen Autobahn ohne Tempolimit („das ist unser Traum in Südkorea“)? Die Pianistin Younee führte es auf der Bühne der Harmonie im Rahmen des Beethovenfests vor, indem sie über Rachmaninows Sonate No 2 improvisierte, einfühlsam, aber auch atemberaubend schnell, sehr hart und laut mit kräftigem Anschlag, unter dem der edle Steinway-Flügel zum pumpenden, aggressiven Rockinstrument mutierte. Die zarte Sürkoreanerin arbeitete, rackerte, ließ Inspiration und Funken sprühen. Um dann nach dem Stück eher schüchtern und lächelnd zur charmanten Conference überzugehen. Atemholen für die nächste Attacke, die nächste raffinierte Improvisation.

Das Konzert in der Harmonie war kein Abend aus einem Guss, eher eine kontrastreiche Reise durch Younees komplexen musikalischen Kosmos – vom sinnlichen Spaziergang („Ausflug“) bis zum Parforceritt („Speeding Instinkt“ nach Rachmaninow). Da ist die Klassik, wo sie herkommt, mit Beethoven, der ein Rebell und liebevoller Mensch gewesen sei, als Fixpunkt. „Seine Musik ist ein Rock, mit so viel Energy“, sagt sie und spielt den rollenden „Fate Blues“, der um das berühmte Thema aus der Fünften kreist und dabei ungeahnte jazzige Felder erobert. Als Younee als erste Zugabe mit einer freien Improvisation begann, endete sie – bei Beethoven und seinem Lied „Ich liebe Dich (Zärtliche Liebe)“.

Mit dem „Impromptu: Reminiscence“ nach Mussogskys „Bilder einer Ausstellung“ hatte Younee ganz in Weiß den Abend eröffnet – bedächtig, ruhig, sehr präzise variierte sie das Thema, um bald musikalisch zwischen Barock und Blue Notes zu changieren. In der melancholischen, angejazzten Pop-Ballade „Hello Hello“, die sie lockerleicht und gefühlig auf dem Piano servierte, begeisterte Younee zudem als Sängerin mit schöner Blues-grundierten Stimme.

Nach der Pause, dann im roten Fantasy-Frack, kamen die besten Stücke aus ihrem aktuellen Album „My Piano“, der ansteckende, rockige „Piano Virus“, die unglaublich rasante, rhythmisch raffinierte „Toccata and Blues in E Minor“ und, völlig entfesselt, „The Moment“, ein auf zwei schmerzhaften Akkorden fußender Reflex auf einen Hexenschuss, den Younee einmal erlitten habe, wie sie erzählt. Es seien oft so kleine Momente, flüchtige Wahrnehmungen, die sie zur Improvisation inspirierten, sagt sie, manchmal auch Gefühle. Wie die Sorge um traurige Mitmenschen, die sehr einfühlsam in „On the Road“ vertont wird. Ihre fränkische Wahlheimat bedenkt sie in „Ansbach Blues“, ein fein swingendes Stück, in dem – wen wundert's? – plötzlich Bach um die Ecke kommt.

Aktuelle CD: Younee „My Piano“ (fulminantMusic)