Bonner Band im GA-Interview

Querbeat hat einfach "Bock auf alles"

BONN. Querbeat startet die nächste Großoffensive. Die Bonner Band mit Firmensitz Köln bringt ihr zweites Album heraus. Es folgen eine Tour durch die Domstadt, ein Gastspiel im Telekom Dome und rund 200 Einsätze im Karneval.

Ein Mehrparteienhaus in Köln, Nähe Volksgarten. „Folksgarden“, so heißt auch das Tonstudio, doch es fehlt jeder Hinweis auf den Klingelschildern. Am Seitenbau ist eine Werkstatttür leicht geöffnet. Man wird offensichtlich doch erwartet – und überrascht. Überall alte Möbel und Regale, zwischendrin ein paar Instrumente. Im Nebenraum sitzen 13 Personen auf einem Sofa und grinsen in die Kamera. Fotosession für den Online-Auftritt. Eine enge Treppe führt in den Keller: der Proberaum, klein, aber fein.

In dieser Werkstatt wurden früher Mopeds geschraubt, sagt Sänger Jojo Berger. Jetzt befindet sich hier das kreative Zentrum von Querbeat, hier entstand das neue Album „Randale & Hurra“, wobei das Mischpult auch sinnbildlich in der Ecke steht. „Das läuft heute alles digital“, sagt Berger und zeigt auf das Laptop, das neben Kaffeetassen auf dem Tisch liegt. Gelegentlich werden hier auch fremde Künstler produziert. Doch dazu bleibt kaum noch Zeit. Querbeat hat eine ungeheure Eigendynamik entwickelt, 13 Musiker bestreiten damit ihren Lebensunterhalt, sind ständig am Proben und Planen. Und übernachten nicht selten neben ihrem Instrument. Mit Sebastian Schneiders (Posaune), Raoul Vychodil (Saxofon), Valentin Marsall (Trompete) und Jojo Berger (Gesang, Gitarre) sprach Heinz Dietl.

GA: In den vergangenen zwei Jahren ist unglaublich viel passiert mit Querbeat. Wie lässt sich das zusammenfassen?

Jojo Berger: Am Anfang stand unser Album „Fettes Q“, das uns selbst gefiel, dann kam die Deutschlandtour. Was in dieser Zeit ablief, war unfassbar krass.

GA: Wieso krass?

Berger: Zum ersten Gastspiel in Hamburg kamen 500 Leute. Das hat sich von Konzert zu Konzert gesteigert. Vor drei Wochen waren es mehrere Tausend.
Valentin Marsall: Der Spielbudenplatz war komplett dicht. Mega-Stimmung. Schade nur, dass wir nicht länger spielen durften.

GA: Warum nicht?

Marsall: Wir mussten abbrechen, aus Sicherheitsgründen. Zu viele Menschen. Die Polizei hat sich nicht mehr wohlgefühlt.
Berger: Wir stellen einige Veranstalter vor Probleme, weil sie ihre Sicherheitskonzepte überprüfen müssen, wenn wir etwa auf Marktplätzen spielen.
Sebastian Schneiders: Beim Summerjam-Festival in Köln hatte man uns für das Eröffnungskonzert am Nachmittag gebucht. Plötzlich stehen da 5000 Menschen vor der Bühne. Du fragst dich: Was geht da ab?!
Berger: Und im November spielen wir in Leverkusen – beim Jazz-Festival! Wir kommen unserem Namen immer näher.

GA: Querbeat nimmt querbeet alles mit. Wie bewertet der jazzorientierte Saxofonist in der Band die Einladung nach Leverkusen?

Raoul Vychodil: Ich habe schon während meiner Schulzeit dort die großen Musiker gesehen. Die Einladung ehrt uns.

GA: Wie kommt es, dass Querbeat flächendeckend funktioniert?

Schneiders: Wir sind der Gegenentwurf zu den Superstars unserer Zeit, zu den DJs oder Gitarrenbands. Wir bieten in großer Besetzung handgemachte Musik mit Blasinstrumenten und transportieren eine ganz andere Art von Energie. Vor allem live.
Marsall: Mit dieser Powermusik triffst du den Nerv der Leute. Das fette Blech kommt an.

GA: Sind Auftritte in kleinen Clubs überhaupt noch interessant?

Berger: Klar. Wir kommen von der Straßenmusik, wahrscheinlich hat uns jeder Bonner schon mal auf irgendeinem Platz erlebt. Das werden wir nicht los.

GA: Jetzt geht es auf eine Konzertreise durch Köln. Wieso nennen Sie das „World-Tour“?

Marsall: Es gibt so viele kultige Läden in Köln, in allen Größen.
Schneiders: Wir spielen im Gebäude 9 vor 300 und im Palladium vor 4000 Leuten. Dann Gloria und E-Werk. Wir haben einfach Bock auf alles.

GA: Querbeat wurde vom Karneval recht früh quasi adoptiert. Gab es Berührungsängste?

Berger: Nein, uns verbindet die Emotion. Im Karneval geben sich Menschen unabhängig von Herkunft oder Berufsstand zusammen die Kante, da fühlen wir uns zu Hause. Wobei wir im Karneval eher die Linksalternative darstellen und nicht als Standardmusikkorps daherkommen.
Vychodil: Unsere Musik passt zum Karneval – und zu den Jazztagen, weil Jazz nicht zuletzt durch Bläsergruppen geprägt wurde.

GA: Für das Album „Fettes Q“ hatte der Bonner Fotograf Moritz Künster die Band in Rheinbach vor einen bunten Bagger gestellt. Dieses Mal brennt ein Floß auf dem Rhein. Was war der Plan?

Schneiders: Mumpi ist längst ein Freund. Er hat die perfekte Vision, wie man unsere Musik optisch umsetzt. Jetzt kam er mit der Idee, uns im Rhein auf ein Floß zu setzen und dieses dann anzuzünden.

GA: Wie war Ihre Reaktion?

Schneiders: Prima! Weltklasse!

GA: Ist das Feuer etwa echt?

Schneiders: Klar, das Floß brennt.
Berger: Wir dachten erst an Photoshop, doch Mumpi wollte echtes Feuer.
Vychodil: Er war für Spiritus.

GA: Auf einem zweiten Foto hängt die Band in einem Zaun.

Schneiders: Ja. Das passt zum Albumtitel „Randale & Hurra“.
Vychodil: Das Foto entstand in Plittersdorf auf dem Spielfeld der Bonn Capitals. Ich habe dort selbst oft Baseball gespielt, und da steht dieser Zaun.

GA: Worum geht's im Titelsong?

Berger: „Hurra“ bedeutet das angepasste Feiern und „Randale“ das ausgelassene. Anlass war ein Freund, der sich tätowieren lassen wollte, aber an einer Stelle, wo’s keiner sieht. Er will ein bisschen böse sein, aber auch angepasst, wenn es drauf ankommt.

GA: Bilanziert „Endstufe 2“ die Entwicklung der Band zwischen Erfolg und Selbstzweifeln?

Berger: Ja. Die Band wird bald 18 Jahre alt. Einige Mitglieder haben zwischendurch studiert, länger im Ausland gelebt, mit der Musik aufgehört und wieder angefangen. Man überlegt dann schon, ob und wie es weitergeht.

GA: Wie wurden diese Momente überwunden?

Berger: Wir haben alle Zweifel besiegt – mit Musik. Auf der Bühne funktioniert die Band wie eine Maschine. Und diese Platte liefert den neuen Treibstoff.

GA: In „Laberländ“ geht es um Start-ups, Synergien und viel Business-Sprech. Stammen die Inspirationen aus den VIP-Bereichen Ihrer Konzerte?

Marsall: Yeah, wenn man mit coolen Agenturen und Start-ups spricht, bleibt das nicht aus.
Berger: Man erwischt sich auch selber dabei, zum Beispiel wenn man alte Freunde trifft.
Schneiders: „Alter, Lass uns telefonieren!“
Vychodil: „Wir müssen unbedingt was zusammen machen!“

GA: Feiern Sie auf „Bengala“ den Reggae?

Berger: Wir feiern vor allem die Tatsache, dass der Kollege Gentleman am Stück mitgewirkt hat. Auch das ehrt uns.

GA: Beschreibt „Hänger“ die kreative Blockade einer Kölner Band? Zitat: „Der Tag hat 24 Pausen.“

Schneiders: Es könnte sein, dass der Songs erst wenige Tage vor dem Abgabetermin entstand, und das auch nur auf Druck.

GA: Geht es in „Heimatkaff“ um den Beueler Süden?

Berger: Auch. Wir tun immer so, als wären wir in der Stadt groß geworden, aber Limperich ist nun mal keine Stadt.
Schneiders: Man hat sich dort die Zeit in der Ü-18-Abteilung der Videothek totgeschlagen.
Berger: Sagen wir so: Der Song ist eine Mischung aus Nostalgie und Wahnsinn. An Weihnachten fahren wir dann immer alle zurück nach Bonn.