Diskurs unter Kartoffeln

Premiere im Theater Bonn

Zwischen Gittern: Das Ensemble bewegt sich in acht Räumen. Szene aus Mirja Biels Inszenierung „Radikal“ nach dem gleichnamigen Roman von Yassin Musharabash. FOTO: THILO BEU

Zwischen Gittern: Das Ensemble bewegt sich in acht Räumen. Szene aus Mirja Biels Inszenierung „Radikal“ nach dem gleichnamigen Roman von Yassin Musharabash. FOTO: THILO BEU

Bonn. Mirja Biels Inszenierung „Radikal“ nach dem gleichnamigen Roman von Yassin Musharbash wirft in der Werkstatt des Theaters Bonn viele Fragen auf.

Alle sind Kartoffeln. Die Schauspieler ebenso wie das Publikum. Alle irgendwann eingewandert oder eingeschleppt, streng genommen fremd im eigenen Land. Mit diesem Bild beginnt Mirja Biels Inszenierung „Radikal“ nach dem gleichnamigen Roman von Yassin Musharabash; mit einer Kartoffel, die sich zu erklären und zu verorten versucht und dabei von einer ohrenbetäubenden Explosion unterbrochen wird. Ein Terroranschlag. Überdrehte Symbolik trifft bedrohliche Thematik. Ein Kontrast, der an diesem eher diskursiven denn aktiven Abend auf der Werkstattbühne des Theaters Bonn gerne mal bemüht wird – und in dem sich das Ensemble mitunter verliert.

Mit einem Theaterstück im herkömmlichen Sinne hat „Radikal“ relativ wenig zu tun. Die Bühnenillusion wird ohnehin permanent durchbrochen, und die Romanhandlung dient lediglich als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung der Schauspieler mit ihren Rollen und der abzuhandelnden Problematik.

Auseinandersetzung mit Migranten

Dabei existiert ein überaus veritabler Thriller-Plot, aus dem man viel machen könnte: Ein brutales Sprengstoff-Attentat auf den ägyptisch-stämmigen Grünen-Politiker Lutfi Latif, das Al-Kaida für sich in Anspruch nimmt, scheint in Wahrheit nicht in der islamistischen, sondern vielmehr in der rechtsradikalen Szene seinen Ursprung zu haben.

Während die Medien sich völlig auf das Bekennerschreiben verlassen, folgt Islamexperte Samuel Sonntag (Daniel Gawlowski) zusammen mit Latifs Assistentin Sumaya (am Anfang ziemlich nervös, hinterher stark: Gast-Schauspielerin Katharina Hackhausen), ihrem Cousin Fadi (Alois Reinhardt) und der Journalistin Merle (Lena Geyer) der anderen Spur und trifft auf das Kommando Karl Martell, das durch den Anschlag die Spannungen im Volk vertiefen und so die muslimischen Mitbürger ausgrenzen will. Ein nur auf den ersten Blick fiktionales Szenario, wie der Fall Franco A bewiesen hat – doch an der Story zeigt Regisseurin Biel nur bedingt Interesse. Stattdessen lässt sie ihre Schauspieler reden und streiten, lässt sie über die Zerrissenheit muslimischer Migranten debattieren und über die Gemeinsamkeiten von Islamisten und Islamophoben, die beide in dem Wunsch nach einer Segregation der Gesellschaft geeint sind.

Weniger ist mehr

Auch die Medien mit ihrer angeblich so manipulativen Berichterstattung werden gerügt, allerdings so plakativ und klischeebeladen, dass von einer ernsthaften Debatte keine Rede sein kann. Schade. Hier hätte man mehr erwarten können. Eindrucksvoll ist dagegen der Konflikt zwischen Sumaya, die so manche Anfeindungen in sich hineinfrisst, und Fadi, der sich deswegen zunehmend radikalisiert. Bitte mehr davon.

Ihre Positionen präsentiert das Ensemble auf einer Bühne, die durch Gitter in acht Räume unterteilt ist und zudem kontinuierlich mit Symbolen aufgeladen wird. Gerade diese verweigern sich aber einem Diskurs, werden nicht hinterfragt – und gelegentlich bis zum Exzess getrieben. Vor allem eine Aneinanderreihung heroischer Posen irgendwo zwischen Spartaner-Verklärung und Walküren-Verehrung, die die Ideologie des Kommandos Karl Martell widerspiegeln soll, wird unnötig in die Länge gezogen und verleiht der Bedrohung vom rechten Rand so einen Hauch von Lächerlichkeit, der im Gegensatz zu der eigentlichen Aussage des Romans steht. Da passt irgendwas nicht zusammen. Letztlich hat sich die gerade einmal 90-minütige Inszenierung somit trotz guter Ansätze einfach zu viel vorgenommen.

Weitere Aufführungen: 2., 7., 23., 30. Juni, 6. und 14. Juli