Deutsche Zerrbilder

Premiere im Hansa-Haus in Bonn

Kein Immunschutz gegen Vorurteile: Selin Kavak im Hansa-Haus.

Kein Immunschutz gegen Vorurteile: Selin Kavak im Hansa-Haus.

Bonn. Das Fringe Ensemble füllt sein Basecamp im Hansa-Haus mit türkisch-deutschen Klischees. Das funktioniert.

Eine original türkische Hochzeit mitfeiern – das hätte doch mal was, oder? Die üppige Ausstattung, die Musik, der Bauchtanz. Aber dann diese eigenartigen Bräuche, die allesamt mit Geld zu tun haben; wie sie die Braut dabei regelrecht verschachern. Nein, dann doch lieber nicht. Oder vielmehr erst recht – und somit willkommen im „Basecamp TR//DE“ des Fringe Ensembles, das jetzt an seiner neuen und zusätzlichen Produktionsstätte im Godesberger Hansa-Haus eine Bestandsaufnahme deutscher Zerrbilder über die Türkei und die Türken präsentiert hat.

Es ist Teil zwei einer Trilogie, die dem Lehrsatz folgt „Starte mit Klischees, und du wirst nicht in Klischees enden“. Im Januar und Februar 2018 stand am Bosporus die türkische Sicht auf Deutschland im Fokus. Nun wurde die Perspektive umgekehrt, und im Herbst sollen bei einem Gipfeltreffen in Istanbul die Klischees und Vorurteile auf beiden Seiten direkt aufeinanderprallen.

So weit der Plan. Regie führte und führt in allen drei Teilen Frank Heuel. Der textliche Grundstoff stammt von Sami Özbudak und Lothar Kittstein. Die Darsteller Sina Große-Beck, Lena Ehmer, David Fischer, Ceyda Goenen, Selin Kavak, Andreas Meidinger, Laila Nielsen und Asya Pritchard bewegen sich in einem von Annika Ley konzipierten Raum, der in einem Augenblick zu Stimmengewirr aus Lautsprechern und der Melodie eines Saxofons so abweisend cool wie eine Flughafenhalle wirken kann und im nächsten mit den Kleiderständern, Sesseln und Lampen – unverkennbar „vintage“ – auf rührende Art um Gemütlichkeit wirbt. Wie viel ist nötig, um das auch mal hinter sich zu lassen? Oder wie viel Freiheit der Bürger darf die Sicherheit eines Landes kosten?

„Natürlich können Sie jederzeit in die Türkei reisen“, sagt die junge Frau im Vorübergehen. „Es muss ja nicht unbedingt gleich der Taksim-Platz sein.“ Sie stutzt einen Moment, hält inne: „Oder Journalisten. Wenn ich Sie wäre und Journalist, würde ich mir das noch mal überlegen.“

Ein Stück weiter erzählt ein türkischer Sattler von zwei Pferden, die sein Leder auf dem Rücken tragen und untrennbar miteinander verbunden sind. Klingt ganz nach einem dieser schönen Märchen aus dem Urlaub. Bloß dass in der eigenen Nachbarschaft plötzlich viel seiner Poesie verloren geht.

Wenn da also eines bleibt, das sich dem Besucher beim Flanieren durch das Basecamp über 90 Minuten an die Fersen heftet und das einen fortan begleiten wird, dann dies: Einen Immunschutz gegen Vorurteile dürfte es kaum geben, wohl aber ein wirksames Gegenmittel – sich selbst ein Bild zu machen. Es muss nicht perfekt, es muss noch nicht mal vollständig sein. Aber die ersten Schritte wären getan.