Poldi, Preußen und "Polacken"

In Polen geboren, in Deutschland erfolgreich: Lukas Podolski nach dem Trikottausch im Anschluss an den 2:0-Erfolg bei der EM 2008 gegen die polnische Mannschaft.

KÖLN. Thomas Urbans hat ein lesenswertes Buch über das deutsch-polnische Fußballverhältnis geschrieben.

Bis zur Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine sind es noch einige Monate. Doch schon bei der Auslosung Anfang Dezember deutete sich eines an: Dass es mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit im Viertelfinale zu einem brisanten Duell kommen könnte - einer Begegnung zwischen dem deutschen und dem polnischen Team. Denn nach dem Turniermodus trifft der erste aus der deutschen Gruppe auf den zweiten aus der polnischen und umgekehrt.

Es wäre der - natürlich nur vorläufige - Schlusspunkt einer Entwicklung zweier Nachbarn, die in den vergangenen Jahrzehnten politisch, aber auch sportlich viele getrennte und manche gemeinsamen Wege gegangen sind. Wie in dieser Zeit deutsche und polnische Fußballer ins Räderwerk der Politik gerieten, darüber hat Thomas Urban, der langjährige Polen-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, jetzt unter dem Titel "Schwarze Adler, weiße Adler" ein höchst lesenswertes Buch geschrieben.

Schon das Titelbild überrascht: Lukas Podolski, der polnisch-stämmige, aber 95-fache deutsche Nationalspieler im Trikot der polnischen Auswahl. Eine Fotomontage? Keineswegs. Nach dem EM-Spiel 2008, bei dem Podolski beide Tore zum 2:0-Erfolg schoss, sich aber aus Rücksicht gegenüber seinen früheren Landsleuten jeglichen Jubel verkniff, zog er das Shirt seines (polnischen) Freundes Mariusz Lewandowski an.

Schon mit diesem Foto ist der Leser mittendrin im Thema. Urban erzählt vom 1. FC Kattowitz, einem deutschen Verein im nach dem Ersten Weltkrieg zu Polen geschlagenen Teil Oberschlesiens, der 1927 trotz großartiger sportlicher Leistung auf Weisung "von oben" nicht polnischer Meister werden durfte.

Er beschreibt die Entwicklung von Schalke 04, das wegen der polnisch-klingenden Namen seiner Stars wie Kuzorra, Szepan, Tibulski oder Kalwitzki in den 30er Jahren als "Polackenklub" verspottet wurde. Dabei stammten die meisten der Spieler aus Masuren, waren deutschstämmig und setzten alles daran, als "gute Deutsche" angesehen zu werden - bis zur Mitgliedschaft in der NSDAP und der Unterzeichnung von Wahlaufrufen für die Nationalsozialisten.

Der Autor ruft mit dem Posener Friedrich Scherfke einen Spieler in Erinnerung, der als Angehöriger der deutschen Minderheit sogar Kapitän der polnischen Nationalmannschaft war. Nach dem Überfall der deutschen Truppen 1939 wurde er Wehrmachtssoldat und deswegen von seinen ehemaligen Landsleuten als Verräter bezeichnet. Seine Bekanntheit nutzte Scherfke andererseits aber auch, um mehrere (polnische) Mannschaftskameraden vor Übergriffen von SS und Gestapo zu schützen, galt als der "gute Preuße", bis er deshalb von den deutschen Behörden ins Visier genommen wurde und nicht mehr helfen konnte.

Besonders detailreich ist das Porträt von Ernst Willimowski, der in den 30er und 40er Jahren nacheinander für beide Nationen gegen das runde Leder trat und immer noch einen besonderen Rekord hält. Pro Länderspiel schoss weder in Polen noch in Deutschland ein anderer Nationalspieler so viele Tore wie Willimowski. Im Trikot mit dem weißen Adler waren es 22 bei 21 Spielen, darunter allein vier im WM-Spiel 1938 gegen Brasilien, mit dem schwarzen Adler auf der Brust anschließend 13 Treffer in acht Länderspielen.

Mehr noch interessiert sich Urban aber für den Menschen Willimowski. "Ich bin Oberschlesier und will Fußball spielen", habe er einmal gesagt. Politik sei seine Sache nicht. Und so war für viele in seinem Umfeld lange nicht klar, ob er sich eher als Deutscher oder als Pole fühlte. Urban erzählt auch von dem lebenslustigen Typ Willimowski, der sich etwa bei einem Lehrgang in Ermangelung eines fahrtüchtigen Rades das von Sepp Herberger schnappte und den Reichstrainer so zu einem Fußmarsch zum Quartier zwang.

Doch der Autor beschäftigt sich nicht nur mit den 20er bis 40er Jahren. Er schreibt über die Frankfurter Wasserschlacht bei der WM 1974, das Fußball-Verhältnis zwischen Polen und der DDR, die Lebensgeschichten der ersten polnischen Bundesligaspieler, die noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Deutschland kamen, sowie den Spätaussiedlern, die wie Podolski und Miroslav Klose zumeist aus Oberschlesien in die Bundesrepublik kamen.

Der Fußballstar Podolski selbst könnte laut Soziologen, so Urban, eine wichtige Funktion als Mittler zwischen beiden Gesellschaften einnehmen. Ob diese Einschätzung aber Bestand hat, wenn Poldi bei der EM im Juni womöglich die Polen aus dem Turnier schießt?

 

Thomas Urban: Schwarze Adler, weiße Adler. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2011. 192 S. 14,90 Euro.